Es hat so schön angefangen heute morgen, gleich schon zur Elf-Uhr-Banane gab es einen kleinen Badesee. Baden war verboten, aber ich hab nix gesehen, was dagegen gesprochen hätte, kurz mal reinzugehen. Außer halt das Schild, naja, aber das war weit genug weg.
Beim Losfahren kurz auf das Thermometer geschaut: 32 Grad, puh! Aber ich bin ganz frisch vom See und es geht zügig vorwärts. Der Radweg war neu geteert und verdient wirklich den Namen Unstrutradweg, schön dem Flüsschen entlang, viele Bäume. Und der Fluss sieht nach einem zweiten Nachmittagsbad aus.
Dann geht der Weg auch mal vom Fluss weg, es hat nicht mehr viel Schatten, wir sind bei 36 Grad. Getreidefelder, immer wieder Mohn am Feldrand, einmal sogar ein ganz rotes Feld, meist aber kein einziges "Unkraut" oder Blume. Hier ein Artischockenfeld, das hatte ich bisher noch nie gesehen:
Es geht auch mal ein bisschen steil aufwärts, unnötigerweise um eine Kirche und einen alten Friedhof herum, es wird immer heißer. Kein Schatten, heißer Asphalt und weite Felder. Wir haben etwa die Hälfte der Tagesstrecke.
Kurz vor Artern sind es 39,6 Grad ! und jetzt geht es nicht mehr, Ich muss raus aus dieser Hitze. Wir landen in einem Tankstellenshop- ahhhhh Klimaanlage- die Frau bringt sofort kalte Getränke und meint es wäre nicht gesund heute Radzufahren. Ja, finde ich auch. Nochmal 30 km geht gar nicht. Zum Glück hat Artern einen Bahnhof, zwar auch nochmal 3-4 km entfernt und schließlich sitzen wir im Zug nach Halle. Manne organisiert und bucht um, Danke, bist ein toller Reiseleiter! Und er muss leider auf Nebra verzichten, aber die Himmelsscheibe ist sowieso im Museum in Halle.
Und jetzt noch die Auswertung des Kreativwettbewerbs- also was sagt der Pole und der Engländer und der Thüringer über den Fahrradfahrer: Der erste Preis geht an M.M. aus KN!!!! Sie war übrigens auch die einzig Kreative, muss an der Hitze liegen, da köchelt das Gehirn nutzlos vor sich hin.
"What idiot rides a bike? Co za idiota jezdi na rowereze? Keine Extrastraßen für die Radfahrer! Können AUTO Straße benützen!"
Und jetzt ich:
Vor lauter blöden Kalauern habe ich gestern ganz vergessen, dass Sömmerda 2 sehr bedeutende Söhne hat - und eine Tochter, wie ich erst beim Frühstück erfahren habe.
Vor der Kirche, am Marktplatz steht eine eher bescheidener Obelisk. Christian Gotthilf Salzmann! Oha, war das nicht d e r Salzmann? Der Deutsche Rousseau, der Mitbegründer des Schnepfenthaler Philanthropin? Der Autor des Krebsbüchleins? Ja, das waren schon ulkige Gesellen, der Guts Muths, der Basedow usw. An Schnepfenthal sind wir bei Gotha ganz in der Nähe vorbei gekommen. Ganz besonders wichtig war dem Guten die geschlechtliche Aufklärung - an sich keine schlechte Sache, doch verstand er darunter aber hauptsächlich die "heimliche Sünden der Jugend", wobei er natürlich hauptsächlich die männlichen Jugendlichen meinte, und deren edelste Säfte! Frauen haben ja nicht annähernd edles zu verschleudern! Obwohl, auch über die Mädchen machte er sich so seine Gedanken, vor allem war ihm das "Brusteinschnüren" ein Anliegen, oder besser eine Sorge:
"Welchen Einfluss hat der Gebrauch der Schnürbrust" hat er mal als Preisfrage ausgeschrieben, worüber sich dann wichtige Männer ausließen, u.a. Georg Forster, warum die Frauen das lieber sein lassen sollten.
Ja, so sind wir Männer, wir machen uns auch so unsere Gedanken, das Wohlbefinden der Frauen betreffend. Hat aber dann doch nicht so viel genutzt, wenn man bedenkt, dass das Korsett erst gut 150 Jahre später aus der Mode kam, und dazu hat es dann die Männer eher nicht mehr gebraucht.
Und der andere wichtige Sömmerdaer war Niklaus von Dreyse, der Erfinder des Zündnadelgewehrs und Mitverantwortlich für das immer effektiver werdende Abschlachten junger Männer auf den Schlachtfeldern Europas.
Die 3. wichtige Sömmerdaerin, das verriet mir der Wirt unseres Balkanhotels heute Morgen, ist Kristina Vogel, die Bahnradolymiasiegerin. Unser Wirt hat sie jahrelang zu Training nach Erfurt gefahren, daguggemal!
Ein kleiner Ort und so viel interessante Menschen!!!
Noch eine kleine Bemerkung zu Land und Leuten. Friederike hat es ja schon in ihrem Part angedeutet. Es scheint bei nicht wenigen Menschen hierzulande eine echte Aversion gegen Radfahrer zu herrschen. In Eisenach sagte uns eine Dame, die wir nach dem Weg gefragt haben, "Wissen Sie ich mag Radfahrer eigentlich überhaupt nicht, die sind so rücksichtslos..." Kann man verstehen, wenn man viel in Fußgängerzonen unterwegs ist. Aber als heute eine Postbotin gerade zu aggressiv gerufen hat "ich fahre mit dem Auto auf der Straße, woher soll ich wissen wo der Radweg nach Artern lang geht" - da hörte ich im Subtext schon so was wie "und überhaupt Ihr
GrünkommunistischverseuchtenautoverbieterundKlimaRadfahrerund GretaThunbergversteher!!!"
Aber nun zum heutigen Tag! Es war in der Tat so richtig heiß. Anfangs kann man es ja ganz gut ignorieren, der Fahrwind kühlt ja immer ein wenig. Aber wenn es nicht mehr geht, dann muss man raus aus der Sonne. Da gibt es kein Vertun.
Und so haben wir noch Einblicke, in den Zustand der Mitteldeutschen Bahnen gewonnen.
Es gab wohl mal eine Unstrutbahn, die auch über Nebra führte, die wurde dann aber in den 90ern eingestellt. Seit ein paar Jahren haben sich dann auf einigen Strecken Privatbahnen eingekauft. Die aber nur Züge fahren lassen, alles andere ist ihnen strunzegal. Der Fuhrpark ist wirklich gut, die Bahnhöfe eine einzige Katastrophe. Wer hier tagtäglich auf den Zug warten muss, kann ja nur depressiv werden.
Aber wir sind gut in Halle angekommen. Die Himmelsscheibe haben sich die Hallenser eh gekrallt. Es gibt einiges hier zu sehen, und nach einer Woche ist ein Ruhetag sowieso von Nöten. Wir werden Euch Morgen davon berichten, was Halle so zu bieten hat.
Bleibt uns gewogen - Bis Morgen.
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