Dienstag, 13. Juli 2021

31.Tag: Von Bodenwerder nach Beverungen

 die Karte


Ein weiterer fantastischer Tag der Weser entlang. Kilometerlang auf asphaltierten Wegen. Es ist bedeckt, kühl und sieht nach Regen aus.



Tschüss, Goldener Anker, bye Herr Baron! (auweia, da habe ich mich auf was eingelassen!)

Die erste Stunde auf dem Rad zwischen 9:00 und 10:00 ist ganz besonders. Ich bin allein "auf weiter Flur" und das im wörtlichen Sinn. Es ist still, d.h. nicht ganz, die Feldlerchen begrüßen mich euphorisch, doch sonst keine Geräusche; keine Autos, keine Flugzeuge, das Bergische Land erwacht langsam (klar, weiß ich auch, dass die werktätige Bevölkerung schon vor 2 Stunden in die Städte gefahren ist). Die ersten Fernradler kommen so gegen 10:00 - meist entgegen, weil der Weserradweg natürlich noch schöner ist, wenn man ihn abwärts fährt. Wobei, darüber lässt sich streiten! Das sind so Glaubensfragen, wie die, womit man beim Spargel anfängt. Da gibt es die Genuss- aber- subito, -Esser, die zuerst in den Kopf beißen, und die, die am anderen Ende anfangen und sich auf den Kopf freuen. Der Weserradweg wurde auf "meiner" Tour von Tag zu Tag schöner. Und ich grinse in mich hinein, wenn ich daran denke, was auf die Abwärtsradler noch zukommt, wenn sie durch Bremerhaven müssen!!!


Das Wasserstand der Weser steigt täglich, so mein Eindruck.


Und die Getreideernte steht kurz bevor


Kurz vor Holzminden habe ich eine Begegnung der "anderen Art"


Was "das" genau war, konnte ich nicht erkennen. Viel gestrampelt hat der Pilot nicht. War wohl eher ein Elektroroller, vielleicht in Kombination mit Pedalen. Auf jeden Fall war das Ding schnell und hat seltsame Geräusche gemacht, als es an mir vorbei fährt.
Holzminden ist Zwischenstopp. Der Kaffee war gut. Mehr kann ich nicht sagen. Der Marktplatz ganz nett.


Die Weser ist weiterhin ein sehr beliebtes Ziel für Camper. Die Plätze sind voll und ziehen sich dem Ufer entlang. 



Dann vor Höxter die nächste Überraschung: "UNESCO Weltkulturerbe" und ich hatte das nicht auf dem Schirm!! Corvey. Hat mir bis heute nichts gesagt, muss ich zu meiner Schande gestehen. Was zwischen Kassel und der Nordsee liegt, ist, das merke ich erst jetzt, ein weißer Fleck auf meiner Landkarte gewesen.


Corvey, Benediktinerkloster, mehr als 1.200 Jahre alt und lange Zeit ein wichtiges Zentrum bei der Christianisierung der "Wenden", "Sorben", Skandinavier...
Die Mönche von Corvey wurden sehr reich, zum einen weil sie an wichtige Reliquien kamen, so z.B. dem Schlüsselblatt des Hl. Vito, das die Pariser (St.Denise) nur ungern rausrückten und einer Reliquie des Hl. Stephanus. 
Zum andern hat man in Corvey einfach die Regeln des Hl. Benedikts ignoriert und keine Mönche aus den "niederen Ständen" aufgenommen, und die adeligen Söhne, vor allem der Franken, brachten reichlich Schotter und vor allem Land mit.


Wer hinter dieser imposanten romanischen Front eine romanische Hallenkirche vermutet, wird herb enttäuscht.
Seit Wochen habe ich nur die leeren lutherischen Kirchen gesehen und dann dieser Bombast


Das ist, wie wenn man nach 4 Wochen fasten gleich Schweinbraten mit Knödel und Kraut vorgesetzt bekommt. Oder ist Barock eher Schwarzwälder Kirschtorte? Auf jeden Fall vollfett.


Dass junge, kräftige Männerengel mit langem lockigen Haar zu niederen Diensten herangezogen werden, habe ich so noch nicht gesehen. Ob die knackigen Jungs die frommen Brüder vom inbrünstigen Beten abgelenkt haben könnten? Wer weiß!

Nach dem 30jährigen Krieg verlor Corvey an Bedeutung. Die Klosteranlagen wurden zu einem Schloss umfunktioniert und der Herzog von Ratibor ( in Wirklichkeit ein Hesse) residiert seitdem im Schloss.

Im 19.Jahrhundert wird Corvey noch einmal interessant. Ab 1860 wird Heinrich Hoffmann von Fallersleben hier Bibliothekar und stirbt auch hier. Der Dichter des Vormärz und Verfasser des Textes des Deutschlandliedes hat sich hierher zurück gezogen, nachdem seine Frau im Kindbett gestorben ist.


Sein Sohn, wurde übrigens ein recht berühmter Landschaftsmaler. Ihm ist eine schöne Ausstellung "der Sohn des Bibliothekars" gewidmet. 
Die Bibliothek, die Dank des Herrn Papa gewaltig wuchs, ist eine Augenweide. Die Räume hören nicht mehr auf. Wunderschöne Schränke aus Wurzelholz. 
Der Graf von Ratibor und Fürst zu Corvey lebte nicht schlecht



Als ich nach 1 1/2 Stunden weiterfahre, fällt mir auf, dass die Radwege nass sind. Uff, wieder einmal Glück gehabt.

Höxter soll auch sehr schön sein. 


Stimmt. Doch die Altstadt ist eine einzige Baustelle. Höxter wird barrierefrei. Das ist gut! Aber erst in 2 Jahren.

Meine heutige Bleibe ist nicht direkt am Weserufer. Der Name "Weserblick" hätte mich warnen sollen. Man "blickt" am liebsten von oben auf etwas herab! Alles halb so schlimm, auch dass ich nicht in Beverungen bin, sondern einem kleine Ort davor, kann mich nicht jucken. Die nette Dame an der Rezeption versicherte mir, dass es durchaus keinen Grund gibt, die wunderschöne Terrasse über der Weser heute noch einmal zu verlassen. Und das Hotel ist allerfeinste Sahne.



Und nun kommt auch noch die Sonne durch. 

90 Minuten und ein großes dunkles Landbier und einem Teller Matjesheringe später.

Ich sitze unter der ausladenden Platane, fühle mich wohlig satt. Die Weser fließt zügig durchs Bild, meine Gedanken fließen mit ihr das Tal hinunter.

"Na, wie ist es? Habt Ihr Euch eine Geschichte ausgedacht?"
"Mein Gott, haben Sie mich erschreckt! Und dieser Tabak? Es ist doch Tabak? Wären Sie so nett, sich auf die andere Seite zu setzen? Der Wind! Sie verstehen!"
Ihr lenkt ab, junger Mann! Habt Ihr nun eine Geschichte für mich, oder nicht?
"Ja, natürlich! Eine Lügengeschichte á la Baron von Münchhausen."
"Was fällt Euch ein! Mich einen Lügner zu nennen! Ich bin nicht der Lügenbaron, wie mich die infamen Verleger genannt haben, die mir meine Geschichten gestohlen haben. Ich habe nur gerne Geschichten erzählt! Noch einmal eine solche Beleidigung, und Ihr seht mich nie wieder!"
"Entschuldigung, war nicht so gemeint, ich weiß, dass es Ihnen nie gefallen hat, der Lügenbaron genannt zu werden."
"Ist schon gut! Fangt endlich an!"
"In der Zeit in der ich lebe gibt es sehr reiche Menschen. Manche sind so unermesslich reich, dass sie nicht wissen, was sie mit dem Geld anfangen sollen. Schlösser zu bauen, ist aus der Mode gekommen.."
"Wie reich sind Eure Reichen?"
"Na ja, die Elisabeth, die Zarin Eurer Zeit, hätte schlecht ausgesehen, gegen die Zaren unserer Zeit.
Die heutigen haben zwar nicht so viel Landbesitz, aber wenn sie wollten, könnten sie locker aus den Tageseinnahmen Schaumburg-Lippe, Katzenellenbogen und Hessen-Nassau im Vorbeigehen kaufen. 
Doch was machen ein Zar von heute, wenn er keine Schlösser bauen kann, keine Kriege führen oder Länder zusammenheiraten kann?  Nicht einfach. Schiffe bauen, das ist auch keine Lösung. Ein Schiff kann gar nicht so luxuriös sein, dass man davon auch nur einen Bruchteil des Geldes verbrennen kann, das man täglich verdient. 
"Und die Insten und Kulaken?  Sind sie gut zu Ihren Untertanen?"
"Sie haben keine Untertanen! Sie kennen nur sich selbst und sie wollen Spaß haben und "die Größten" sein. 
Da sind 3 von Ihnen auf eine Idee gekommen. Sie haben gewettet, wer als Erster von Ihnen zum Mond fliegen wird, solleder Sieger sein."
"Auf den Mond fliegen? Hört auf! Auch Du Brutus! Wollt Ihr mir meine Geschichte stehlen! Ihr wisst sehr wohl, dass ich schon vor fast 300 Jahren auf den Mond geflogen bin."
"Meister, entschuldigt, ich habe Eure Geschichte nicht gestohlen. Hört weiter zu! Dieser Tage ist der erste von Ihnen fast in den Weltraum geflogen. Er sagt, dass er selbst geflogen sei. Wie ein Vogel! Dafür hat er mehrere Milliarden ausgegeben, für ein Flug, auf dem er selbst wie ein Vogel geflogen ist - für ein paar Minuten! Dieser eine Flug allein hat 28 Million gekostet. Drei alte Männer wollen spielen und haben 10x mehr ausgegeben, als es gekostet hat St. Petersburg zu bauen."
"Eure Geschichte ist zwar genauso verrückt, wie die meinen, der große Unterschied ist jedoch: Eure Geschichte ist nicht lustig. Und sie hat keine überraschende Wende!
Und, wie gesagt, ich war schon auf dem Mond, und was habe ich dafür gebraucht?"

Der Baron zwinkert mir zu und tippt sich an die Stirn.

"Ich denke, da müsst Ihr noch etwas üben. Wenn Ihr Morgen noch an der Weser seid, dann erzählt  mir eine bessere Geschichte!"
"Verehrter Herr Baron, ich werde mich bemühen!"
" Bis Morgen, mein Lieber!"












Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

38. Tag: Heimfahrt

  Daheim! Hier ist es auch sehr schön!! Das war wirklich eine wunderschöne Reise! Durch 11 Bundesländer. mir/uns bislang unbekannte Teile de...