So ein Frühstück gab es bisher noch nicht.
Das Hotel Aegidienhof hat Beziehungen bis ganz nach oben. Deshalb habe ich in dieser Kirche gefrühstückt.
In einer Kirchenbank und mit großer Andacht.
An der Kirchenmauer entdecke ich die Grabplatte von Dr. Eisenbart:
Da gschaugst! Von wegen "Kurpfuscher" - oder vielleicht gerade deswegen?
Nach dem Regentag gestern zeigt sich heute wieder die Sonne. Es ist frisch, also ein perfekter Tag zum Radfahren. Zudem habe ich mir heute nur eine kurze Strecke vorgenommen. Ich will mir Kassel anschauen.
Ich war zwar schon 2x da, aber zu documenta Zeiten, mit anderen Worten,- außer documenta habe ich in Kassel noch nichts gesehen.
Die Fulda ist voll, braun und reißend.
Die Schleusentore sind geöffnet und das Wasser schießt nur so heraus. Mein Fährmann von gestern hatte recht, die Fulda ist tatsächlich bis Kassel schiffbar. Heute allerdings eher für Freizeitkapitän*innen.
Ich lasse es sehr gemütlich angehen, habe die 30km aber schon vor 12:00 weggeradelt. Ich fahre an mein Hotel. Natürlich kann ich noch nicht einchecken, aber ich darf mein Gepäck unterstellen und mich umziehen. Das war der Plan. Jetzt steht einer gepflegten Stadterkundung nichts mehr im Wege. Auf meiner to-do-Liste ganz oben steht die "GRIMM Welt Kassel". Dieses neugebaute Museum am Weinberg gibt es seit 2015 und widmet sich den Grimms, des "Wörterbuchs" der "Hausmärchen" und deren Leben. Ich bin gespannt und ein wenig skeptisch vor allem bei den Märchen kann das Ganze schnell ins Kitschige abgleiten.
Aber meine Befürchtungen waren völlig grundlos. Ich bin Hin und Weg! Dieses Museum hat Museumsdidaktisch wirklich Großes geleistet. Und der Besuch ist ein würdiger Abschluss meiner Tour auf der "Deutschen Märchenstraße" - die gespickt war mit Folkloregedöns, Souvenirschmäh und Kitsch.
Aber wie in Dreiteufelsnamen stellt man ein 33bändiges Wörterbuch aus, an dem fast 200 Jahre geschrieben wurde?
Es geht!! Und zwar richtig schön.
Die Ausstellung hat 25 Kapitel beginnend bei Z, jedes Kapitel hat ein Wort aus dem "Grimmschen Wörterbuch" zum Thema
Das erste Kapitel ist Z wie Zettel.
Eine große Wand voll mit Originalzetteln der Grimms, auf denen sie Zitate zum Stichwort "Zettel" gesammelt haben. Die Brüder waren ja manische Wörtersammler und haben die jeweiligen Zitate aus den Büchern eben auf Zetteln festgehalten. Fantastisch! Allein an dieser Wand konnte man sich festlesen. Mein Lieblingszettel,
"Hier auf diesem Zettel
steht der ganze Bettel!"
Die Ausstellungsmacher haben mit viel Fantasie, Humor und Kreativität wunderschöne Ideen umgesetzt.
Zum Beispiel wurde der politische Hintergrund und die "große Geschichte" der Zeit in tollen "Guckkastenpanoramen" dargestellt, die wie aus Buchseiten herausgerissen wirken.
Die Guckkästen sind nicht besonders groß - aber magisch! Auf den Fotos gehen leider/logischerweise die verschiedenen Ebenen der "Guckkastenbühne" verloren.
In Hessen ist offensichtlich noch Schule, ganze Schulklassen pirschen mit Aufgabenblättern durch die Ausstellung und auch sie lassen sich von der Ausstellung einfangen. Es gibt richtig viel zu entdecken.
In den Abteilungen bei denen es um die Märchen geht, ist es gelungen, mit den bekannten Klischees der "Volksausgaben" zu brechen und neue pfiffige Bilder dagegen zu setzen.
Das ist? Klar Hänsel und Gretel!
Aber in welchem Kapitel stehen diese seltsamen Gestalten?
Das ist das Kapitel K , wie "Kleinwesen" - "die kleinen Formen", wie die Grimms sagten. Ich habe an der PH "epische Kleinformen" dazu sagen müssen. Hinter diesen witzigen Figuren steckt ein "revolutionärer" Gedanke. Auch wenn man einerseits "das Land der Griechen mit der Seele" suchte, waren Forscher in ganz Europa auf der Suche nach der schöpferischen Kraft "des Volkes". Und auf einmal waren Erzählungen, Gedichte, Lieder interessant, die nicht die Helden der Antike besangen, sondern die Heinzelmännchen von Köln, das Rumpelstilzchen oder Klabautermänner.
Sogar Ai Wei Wei hat bunt bemalte "Wurzeln"- Wurzelstöcke zum Stichwort "Wurzeln" beigetragen.
Da wird nichts breitgetreten, nichts ist platt und dennoch macht es Spaß durch die Stichwörter zu Wandeln.
Der Höhepunkt für mich war das Stichwort "Jawort". Da wird ein Film gezeigt.
Figuren, die aus der Sesamstraße sein könnten, spielen ein "Stück", das tatsächlich in den 1830igern aufgeführt worden ist, und in dem die Zeitgenossen sofort das Brüderpaar erkennen konnten.
Jacob soll von der Tante unter "die Haube" gebracht werden. Zu diesem Zweck wird "Dorothea" eine Cousine ins Haus geholt, in die sich der ältere Bruder, Jacob, auch verliebt. Nur weiß er nicht, wie er das Dorothea beibringen soll, - er bittet den kleinen Bruder ihm zu zeigen, wie man "das macht" - das ist so zum Schreien komisch, wie diese Socke mit wildem Wollfädenhaarschopf, der Willi, nun Dorothea den Hof macht, um dem Bruder zu zeigen wie "das geht"! Das klappt auch, nur nicht so wie sich das der Jacob vorgestellt hat, der Wilhelm kriegt die Doro und das Jacoble ist traurig.
- Und so ungefähr könnte es sogar tatsächlich gewes denn der Wilhelm und nicht der Jacob heiratet die Dorothea,und Jacob schaut in die Röhre und bleibt Zeit seines Lebens Junggeselle. Die Brüder bleiben dennoch zusammen und Jacob lebt fortan im Haushalt der neuen Familie. - Das können sich Kinder anschauen und finden die Geschichte lustig - und Oberstudienräte werden sich das Schmunzeln nicht verkneifen können. Was ich nicht wusste, ist, dass ein weiterer Bruder, Ludwig Emil, ein hochbegabter Maler und Zeichner war, der die ersten Kinder-und Hausmärchen illustrierte.
Ja, ich höre schon auf zu Schwärmen, ich will Euch nicht langweilen.
Aber ich kann GRIMM Welt nicht verlassen ohne noch einmal in milde Formen der Verzückung auszubrechen. In einer Sonderausstellung hat das Museum Sabine Hertig, von Basel nach Kassel geholt. Sie passt deshalb so gut in dieses Haus, weil so wie die Grimms manische Wörtersammler waren, so ist sie eine obsessive Bildersammlerin, die sie in aberwitzigen Collagen verarbeitet. Und zwar in beeindruckend große, ich rede von Formaten bis zu 248x480
Das ist so was von "der Hammer" ich bin fassungslos.
Da musste ich an Dorés "Göttliche Komödie" denken, und dann wieder im Detail, zu jedem "Teilabschnitt" absolut stimmiges Bildmaterial.
Die Frau ist noch keine Vierzig!!!
Den Namen muss man sich merken.
Völlig erschlagen, muss ich erst einmal im schönen Garten hinter dem Museum in einen Liegestuhl sinken, eine Kaffee trinken und ins Weite starren.
Nach einer weiteren Pause im Hotel mache ich mich dann wieder auf Stadterkundung, dieses Mal zu Fuß.
3 Ausstellungen packe ich noch.
Doch die Künstler, die mich heute noch beeindrucken wollen, haben schlechte Karten. Martine Syms hat es noch am ehesten geschafft mich zu erreichen. Ihre Video-Installationen im
Fridericianum sind stark, bildkräftig und provokativ
Aber warum ich ihr bei den unterschiedlichsten Versuchen Selbstmord zu begehen zuschauen soll, auch wenn es nur ihr Avatar ist, das wollte sich mir nach dem 4. Versuch nicht mehr erschließen. "To Hell with my Suffering" steht dabei auf ihrem T-Shirt. Das unterschreibe ich sofort! Und auch wenn Kunst auch der Versuch der Selbstheilung sein kann - muss ich mich nicht neben sie auf die Couch legen.
Bei Vicent Fecteau (*1969) auch ein US-Amerikanischer Künstler ging dann bei mir gar nichts mehr. Seine Plastiken aus Karton, ok. Seine Schuhschachtel Collagen dagegen mit Bildern von Sofakissen? Da habe ich im Kunstunterricht der 6.Klassen beim Thema, "ich richte mir eine Schuhschachtel ein" besseres gesehen.
"Etwas an Fecteaus Kunst- hat mich immer an meine Mundhöhle denken lassen...."
Bitte nicht liebe Laudatorin - shit aber auch - jetzt bekomme ich ihre Mundhöhle heute Abend nicht mehr aus dem Kopf. Mach bitte den Mund zu!!!
Egal ob der Gute im MOMA ausgestellt hat - selbst wenn ich nicht die "lakustrine" "seeartige Spannung zwischen Oberfläche und Tiefe, Transparenz und Trübung"(Fanny Singer, die Großmeisterin des Laudatorinnengeschwurbels) - gespürt habe, beim Anblick seiner Klorollencollagen, habe ich eher den Drang verspürt den Staub der Zeit wegpusten wollen Sorry Vincent - du hast mich heute nicht erreicht!!!
Inzwischen ist es draußen dunkel, meine werte Leserschaft, bei meinen Kunstergüssen eingeschlafen, - ich habe mich so in Rage geschrieben, dass ich nicht gemerkt habe, ob oder der Herr Baron vorbeigeschaut hat. Schade eigentlich, ich hätte inzwischen sogar 2 "L...-Geschichten" zu erzählen gehabt.
Aber wahrscheinlich hat sich mein hochgeschätzter Freund der Herr Baron, eh nicht die Fulda hoch getraut. Er ist doch eher ein Geschöpf der Weser.
Und wahrscheinlich hätte er mich wieder mit seinem "nicht lustig!" zerstört.
Nun denn, aufgewacht, liebe Leser*in, - Bis Morgen auf ein Neues!
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