Donnerstag, 8. Juli 2021

26. Von Bremerhaven nach Bremen




Im Hotel Atlantic herrscht ein striktes Frühstücksreglement. Für mich war noch das Zeitfenster 7:30 bis 8:15 frei. D.h. ich bin heute früh auf der Bahn. Zeit für eine kleine Runde durch Bremerhaven. Ich merke schnell, dass man für Bremerhaven eigentlich mehr Zeit braucht. Schön ist es hauptsächlich unten am Hafen. 

Ein bisschen Dubai, ein bisschen Moby Dick, der in Wirklichkeit das Klimahaus 8°Ost ist, in dem das Thema Klima thematisiert wird. Bestimmt spannend - aber noch zu.

Das "Deutsche Auswandererhaus" wird vollmundig beworben als das "Größte Erlebnismuseum des Kontinents zum Thema Aus- und Einwanderung" beworben. Hört mal, Bremerhavener- und innen, geht es auch eine Nummer kleiner?


 War natürlich auch noch zu. Und außerdem habe ich ja heute noch Bremen auf dem Plan. 

Jede Menge historische Schiffe in dem Hafenbecken des Deutschen Schifffahrtsmuseums. Unter anderem auch das U-Boot "Wilhelm Bauer"


in dem "die Technik dieses einzig erhaltenen U-Bootes Typ... gezeigt wird - und vor den Grausamkeiten eines solchen Krieges gewarnt wird" - scheinheiliger geht es wirklich nicht. Liebe Bikeliner, wo immer ihr diesen Käse abgeschrieben habt, - für mich seit ihr langsam gestorben.

Vor allem, weil ich mit euren Karten nicht wirklich planen kann. Fahre ich mit der Fähre auf die linke Seite, dann wären es heute über 80 km- laut bikeline. Fahre ich die Alternativroute auf der rechten Seite sind es nur 64 km. Die ist aber nirgendwo ausgeschildert und auch Albert kann den Einstieg nicht finden. Stattdessen gibt es einen Luxusradweg schnurgerade bis Bremen - allerdings mehr oder weniger an der Bundesstraße. 

Ich versuche mehrfach, zum Dammweg zu kommen, kreuze die schöne Lune


Mache, mit Hilfe eines halben Dutzend Wiemsdorfern einen Kringel von ca 3 km, um dann mit Albert quer durch den Wald zu radeln. Mit dem Ergebnis, dass ich irgendwann wieder auf der Radwegrennstrecke bin. Auch recht! Dann habe ich schon mehr Zeit für Bremen.


Zumal, - das seht Ihr natürlich nicht, stehen die Windräder den ganzen Tag komplett still. Kein Gegenwind!! Auch mal wieder schön.
Die 66 km sind schnell runtergeradelt, es gibt wirklich nichts zu sehen. Hätte nie gedacht, des es in Norddeutschland so viel Wald gibt. Außerdem waren von der Gesamtstrecke 12 km hässliche Stadtausfahrt aus Bremerhaven und 15 km oberhässliche Stadteinfahrt in Bremen.


14:00 laufe ich im Hotel ein. Raus aus den Radlerklamotten und rein in die Altstadt. 
Ich bin wirklich überrascht, wie kompakt die Altstadt von Bremen ist. Soll heißen, drum herum wurde das meiste im 2.Weltkrieg zerstört.

Aber natürlich, das Rathaus, samt Roland ist die erste Anlaufstelle




Schließlich ist er inzwischen "Weltkulturerbe". Eine der größten Geschichtsfälschungen aller Zeiten wurde zum Inbegriff der Wehrhaften Stadt - die Hintergründe habe ich schon in Halle erzählt, wenn ich mich nicht irre.
Highlight Nr. 2 - klar die Stadtmusikanten.


Seit 1953 steht die Plastik von Gerhard Marcks am Rathaus und ist heute fast so wichtig wie der Roland. 
St.Petri ist beeindruckend- in seiner Breite an Stilen. Natürlich als lutherisches Gotteshaus ist die Kanzel am wichtigsten. Aber zum Glück durften auch noch ein paar Heilige stehen bleiben. 
Einer hat mich ganz besonders fasziniert


Wanderstab, Schlapphut? Das müsste eigentlich der Hl Jakob, St. Jago, der "Matamoros" - der "Mohrentöter" sein, der alte Haudegen. Aber warum hebt er so kokett das Gewand und zeigt Bein?
Höchstunwahrscheinlich, dass er darauf hinweisen will, dass man vom Pilgern schöne Beine bekommt! 
Ich vermute ja, dass er zeigen will, dass sein Bein mit Gottes Hilfe wieder in Ordnung ist. Ich kenne aber keine derartige Legende. Vielleicht ist ja unter der geneigten Leserschaft jemand, der die gesammelten Heiligenlegenden auf dem Nachttisch liegen hat! Würde mich wirklich interessieren.

Das absolute Highlight des heutigen Tages war jedoch die "Böttcherstraße". Hatte ich, ehrlich gesagt, nicht auf dem Schirm. 



Wo fange ich an. Die Geschichte hinter diesem reichlich bizarren Gesamtkunstwerkes ist wirklich bemerkenswert - und teilweise erschreckend.


Angefangen hat es mit diesem Herrn, Ludwig Roselius - kennt Ihr nicht! Womit er reich geworden ist aber schon. Er hat den koffeinfreien Kaffee erfunden - und 1906 die Firma Kaffee HAG gegründet. Was macht jemand der richtig Knee hat und damit noch nicht in den Weltraum fliegen kann. Er wird zum Mäzen.
Er kauft 1931 die völlig heruntergekommene Böttcherstraße komplett auf um sie zu einer Art Touristenattraktion für das "wiedererstarkte" Deutschland zu machen. 

So und jetzt kommt Hoetger und Moderson-Becker und Worpswede ins Spiel.

Die beiden treffen sich 1900 in Paris. Und Hoetger unterstützt und ermutigt Moderson. Er, damals schon ein anerkannter Bildhauer und wird sogar von Rodin gelobt, der diesen Torso einer jungen Frau genial findet.


Für mich kommen, ehrlich gesagt, die appen Beine eher seltsam rüber. Aber das Gesicht ist wirklich grandios. 
Die Plastik steht in der Ausstellung 

AVANTGARDE
Bernhard Hoetger und Paula Modersohn-Becker in Paris

im Moderson-Becker-Haus in der Böttcherstraße. - Wo ich heute sehr viel Neues gelernt habe.

Hoetger kommt also über Moderson-Becker, die vor Becker nach Paris abgehauen ist mit den Worpswedern in Kontakt. Und deshalb hat die Böttcherstraße und die schräge Architektur in Worpswede die gleiche Handschrift.
Als er Roselius kennenlernt hat er schon diese wilde Mischung aus Expressionismus, Art Deco, Jugendstil, Nordischtümelnder Backsteinarchitektur, Historismus etc. entwickelt. Und Roselius ist begeistert. Hoetger provoziert - und gleichzeitig ist er durchaus ein Prophet der "Neuen Zeit". Er provoziert als er an das Moderson-Becker Haus schreibt:


Dieses ist das
Paula Becker-Moderson Haus
aus alter Häuser fall
und Umbau errichtet von
Bernhard Hoetgers Hand
zum Zeichen edler 
Fraue zeugend Werk 
das siegend steht
wenn tapfrer Männer
Heldenthum verweht

Wir schreiben, wohlgemerkt, das Jahr 1926, 10 Jahre nach Fertigstellung des Moderson-Becker Hauses, wird über dem Eingang der Böttcherstraße der "Lichtbringer" (siehe oben) angebracht, der den dreiköpfigen Drachen in seine Schranken weist. Das ist kein Heiliger Georg, der hat keine Flügel, sondern einen Umhang, und der hat dem Ungeheuer nicht die Köpfe ab sondern schickt es zurück wo es herkam. Das ist kein Kotau mehr, da kriecht der Künstler den neuen Herrschenden gewaltig in den Allerwertesten.
Aber diese sehen nicht so recht, dass dieser Lichtbringer der Dolferl aus Braunau sein soll. Sie stört vor allem die "defätistische" Demontage von Kriegshelden in der Widmung oben. Aber auch da sind die Herren Roselius und Hoetgers willfährig. Hoetgers ersetzt das "wenn" in ein "bis" in der vorletzten Zeile. Aber Hitler ist diese Worpsweder Truppe immer noch suspekt, obwohl sie doch so sehr das Germanentum beschwören und um den Weltenbaum Yggdrasil tanzen.
Ich muss jetzt abbrechen. Die Ausstellungen und die ganze Böttcherstraße, das arbeitet noch lange nach! 


Ein paar Impressionen noch.






Was für ein Parforce Ritt durch die Architekturgeschichte.

Jetzt soll es gut sein. Ich will Euch ja nicht mit ollen Kamellen vergraulen. Ich würde mich freuen, wenn Ihr mich noch ein wenig begleitet. 

Auch wenn die Windverhältnisse heute sehr angenehm waren, eine weitere Meldung von der Hallig Warnieroog

"Siehst du oben rosa Elefanten treiben,

musst du ruhig und gelassen bleiben!"

 (und dich fragen: "Wie viele `Jubis` waren das heute?")






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