(frieda) Zwei Ruhetage, das gab es noch nie. Und es ist herrlich.
Heute Vormittag waren wir in der "Moritzburg", im Museum für moderne Kunst. Tolle Ausstellungsräume- mal ganz alt in der Burg und im tiefen Keller, dann wieder in einem neuen lichtdurchfluteten Anbau. Am meisten hat mir die Sonderausstellung "Mimen, Blumen, Schöne Frauen, Japanische Farbholzschnitte", gefallen.
Mein Favorit: Maki Haku "Variation über das Schriftzeichen mit der Bedeutung "umherschweifen"
oder die "Dickschnabelkrähe auf beschneitem Ast":
Dann gab' s auch viele Kabuki-Theaterszenen, bei denen schon die Titel eine ganze Geschichte erzählen: "Der Schauspieler Nakamura Utaemon III. als Okane Hanshichi in der Szene
Im Haus von Suzaki Tekezo des Kabuki-Stücks
Das Auftreten nebulöser erotischer Verwicklungen."
Manne wird noch über die anderen Ausstellungsräume erzählen, es gab viel zu sehen.
Hier "an der Saale schönem Strande" hab ich heute gebadet,
eine gute Erfrischung mitten in der Stadt, schöne Strömung

Allmählich wird es auch kühler und man kann im Park liegen und den Wolken beim zusammenballen zusehen. Ob uns das Wetter morgen noch so gefällt, ist fraglich.
Also gut:
Ja, die Moritzburg, hat viel zu bieten. Es hat sich wirklich gelohnt, für Halle mehr Zeit zu haben. Abgesehen davon, dass wir der Hitze etwas entkommen sind. Heute Abend soll der Regen kommen. Erste Unwetterwarnungen!
Halle und seine "Nicht-Künstlerschule", erlaubt vielleicht im Gegensatz zu Leipzig einen unverstellteren Blick auf die Kunst und seine Geschichte in der DDR. Es gab eigentlich immer Künstler, die die Tendenzen in der Welt aufgenommen haben und für sich adaptiert haben, die Vorgaben des "Sozialistischen Realismus" waren eine Sache, künstlerisches Schaffen eine Andere.
Da gab es zu Ulbrichts Zeiten so etwas wie eine "Nichtschule" Halle, über die der Erste Staatsratsvorsitzende mit großer Vehemenz herzog, dekadentes Geschmiere in Grau, das die Menschheit nicht weiterbrächte, so der Tenor
Der letzte dieser Hallenser Graumaler, Werner Rataiczyk, ist übrigens erst im Januar, 101jährig, verstorben.
Und auch die schillerndste und umstrittenste Person der DDR-Kunst, Walter Sitte, ist eng mit Halle verbunden. Nach der Wende zum Hassobjekt schlechthin geworden, ist seine Werdegang viel komplexer und seine Qualitäten nicht zu leugnen.
Erste Erfolge hat er in den 40er Jahren in Italien gehabt. Dort war sein künstlerisches Coming Out. Seine Arbeiten zum italienischen Widerstand waren sehr erfolgreich. Dann in der DDR war er auch nicht so richtig willkommen, zu widersprüchlich seine Kunst, zu formalistisch, zu sehr ist seinen Arbeiten die Auseinandersetzung mit der Moderne anzumerken.
Er zieht sich nach Halle zurück, wird Zeichenlehrer an der Hochschule Burg Giebichenstein (da sind wir heute auch vorbeigekommen, noch heute eine sehr lebendige Hochschule für Gestaltung und Design) doch "Rückzug" geht in der DDR nicht, er ist befreundet mit Biermann, den Kirschs etc.
Dann die Wende, "Kritik und Selbstkritik" er entscheidet sich als Kommunist nicht in den Westen zu gehen, und dann legt er als Apparatschik so richtig los. Eine unglaublicher Lebenslauf.
Der Chemiearbeiter ist eines seiner bekanntesten Bilder aus dieser Zeit. Er wird Präsident des VBK und eine der einflussreichsten Figuren im DDR Kulturapparat. Nach der Wende bekommt er sein Fett ab. Als Künstler ist er unten durch.
"Lieber vom Leben gezeichnet,
als von Sitte gemalt"
sagte der Volksmund !
Erst in den letzten Jahren scheint der Blick auf diese Zeit etwas differenzierter auszufallen. Im Oktober wird hier in Halle eine große Ausstellung ausgerichtet.
Die Sammlung der Moritzburg gibt einen hervorragenden Überblick über diese Zeit, von Heisig, Tübcke, Meitner sind ganz zentrale Bilder zu sehen.
Aber auch sonst ist die Moritzburg einen ausgiebigen Besuch wert. Der Reiz, wie Friederike schon sagt, besteht auch in dem Mix aus mittelalterlicher Burg und Modernem Museum:
Die Sonderausstellung zu den Anfängen der Plakatkunst ist sehr gut kuratiert, bietet aber jetzt nicht die Überraschungen. Die Fahrradmotive haben mir natürlich besonders gefallen.
Diese Skizze von Toulouse Lautrec für einen Fahrradkettenhersteller oder das bekannte Radlerinnemotiv
Das war schon nett. Und die japanischen Holzschnitte - absolute Spitze und
Ukiyo - Erzählungen aus einer fließenden Welt
könnte doch wirklich das Motto der diesjährigen Reise werden.
So jetzt ist gut.
Halten, Du musst! Manfred!
Das habt Ihr nicht gewusst, dass Meister Yoda ein Hallenser ist, oder!!
Am Abend haben wir noch versucht, den Hallenser Prenzelberg kennenzulernen, Der Norden der Neustadt, leicht heruntergekommen, bietet all das, was der Prenzlauer Berg in Berlin einmal ausgemacht hat. Bezahlbarer Wohnraum, alternatives Milieu,
Anscheinend beginnt Halle gerade sein schlechtes Image abzulegen. Nach Leipzig ist Halle wohl der neue "Geheimtipp"
Aber die veganen-paläo-Hafer-Latte Cafés hatten heute leider zu (uff!). Doch am August-Bebel-Platz, Ecke Pushkinstraße beim Italiener war es auch sehr nett.
Am Nebentisch treffen sich zwei Paare. Zur Begrüßung umarmt die Eine die Andere:
"Dass das wieder sein muss, ich hatte gehofft, das hätte sich so langsam erledigt..."
Tja, nicht Allen scheint es zu gefallen, dass wir uns wieder näher kommen dürfen!
So viel zu Halle.
Der Himmel zieht zu, der Regen scheint zu kommen. Hoffentlich in der Nacht und Morgen dann der Saale entlang!
An deren "hellen Strande" ja so manche Burgen stehen
... stolz und kühn.
Ihre Dächer sind gefallen,
Und der Wind streicht durch die Hallen,
Wolken ziehen drüber hin."
Also, Frieda, "heller Strand" aber von Baden ist nicht die Rede!!! (Aber im Vertrauen, das ist schon ein selten dämlicher Liedtext)
Bis Morgen, denn - und bleibt uns gewogen!
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