keine Karte mehr
Puh, Kulturtour ist anstrengend. Ich fühle mich wie nach einer 80 km Etappe. Fulda hat wirklich viel zu bieten und ich habe mir reingepfiffen, was man an einem Tag machen kann.
Aber von Anfang an:
Da war zunächst eine Begegnung der anderen Art.
Ich sitze im Frühstücksraum des Hotels, mit mir 2 junge Männer, um die 40, Glatze, meine Größe, also keine Riesen, aber deutlich übergewichtig, mächtige Waden, beide mit dem Wappen eines Fußballvereins verziert. Dann kommt noch ein junger Mann, um die 40, Glatze etwa meine Größe, also kein Riese, aber deutlich übergewichtig, mächtige Waden, mit Vereinswappen. Als dann ein Fünfter auftaucht, werde ich unruhig, genau das gleiche Erscheinungsbild! Und das Verrückte, sie kennen sich auch noch? Ist das eine Rugbymannschaft auf Bachelor-Tour? Mitnichten. Des Rätsels Lösung? Wir sind nahe des Bahnhofs. Das sind alles Zugführer oder Zugbegleiter. Dass es so viele gleichzeitig sind, liegt daran, dass die Unwetter, die Fahrpläne gewaltig durcheinander gebracht haben. Ein Kollege schimpft vor sich in. Sein Zug steht noch am Brenner und kommt nicht durch Österreich. 6 Stunden Verspätung, wenn`s reicht. Das heißt wenn er heute Nacht in Hamburg ankommt, gibt es keine Möglichkeit mehr nach Hause zu kommen. Wieder einmal. Bleibt nur das Taxi. Die Ruhephase zwischen zwei Schichten wird aber nicht nach hinten geschoben. Mit anderen Worten, weniger freie Zeit..
Klar, als Bahnkunde sieht man die Auswirkungen nur von einer Seite. Dass die Jungs von der Bahn, genauso bescheuert dran sind - und wie in diesem Fall stundenlang in einem Hotel in Fulda rumhängen ohne zu wissen, wann es für sie weitergeht, das hatte ich mir bislang nicht vorgestellt.
Ich bin mal gespannt, wie meine Heimreise Morgen verlaufen wird! Wenn ein ICE ausfällt, hat der Radfahrer ein Problem, denn der nächste ICE hat keine freien Radplätze mehr, - das kenne ich schon!
Doch jetzt erst einmal eine kleine Blitztour durch Fulda! Keine Angst ich werde es nicht übertreiben.
Sonntag Morgen, die Stadt ist noch nicht wieder auf Betriebstemperatur.
Die Altstadt glänzt in der Morgensonne.
In den Dom schmuggle ich mich noch schnell vor dem nächsten Gottesdienst. Eigentlich ist Sonntag kein Besichtigungstag. Das Innere für einen Barockbau erstaunlich zurückhalten. Viel Weiß.
Ein wenig an den Rand gedrängt von all der barocken Pracht ist diese Schutzmantelmadonna aus dem Spätmittelalter.
Und wer kommt bei der Jungfrau so unter den Schutzmantel? Der Fürstbischof, klar, die Äbte, Ritter, Gelehrten, Kaufleute, Mönche... Arme, Bauern, Fehlanzeige! Hat halt nie Platz für Alle gehabt im Schoße von Mutter Kirche!
Was hat die alte Frau verbrochen, dass sie es verdient hat, von Schlangen attackiert und von den Heiligen Herrschaften niedergetreten zu werden?
Könnte es sein, dass sie zu den über 200 "Hexen" gehörte, die Anfang des 17.Jahrhunderts in Fulda verurteilt und umgebracht worden sind? So oder so eine brutale Darstellung.
Gleich neben dem Dom, die romanische Michaelskirche.
Das Stadtschloss der Fürstäbte und Fürstbischöfe, das zur Zeit der Hexenverfolgungen begonnen wurde, habe ich mir natürlich auch angeschaut. Sehr beeindruckend.
Und manches auch recht witzig. Die Deko des Schlosses zitiert die griechische Mythologie rauf und runter. Hat die Fürstbischöfe wohl mehr interessiert als die ollen Heiligenlegenden. Das hier ist ohne Zweifel Herakles, hat sich ja schon das Fell des Nemeischen Löwen umgehängt. Aber, dass das Zerdeppern eines Tempels zu seinen 12 Tagen gehörte, war mir bisher nicht bekannt. Er schaut auch eher aus, als wolle er sagen: "Ups, I did it again!"
Ein anderes Detail hat mir auch sehr gut gefallen.

Das ist ohne Zweifel Orpheus, der gerade vor versammelter Tierwelt sein Bestes gibt. Aber anscheinend hat es doch nicht allen so gut gefallen, wie uns das immer weiß gemacht wird.
Direkt unter dem Bild sitzt, dreidimensional, ein Papagei, der ganz offensichtlich aus dem Bild über ihm abgehauen ist. Weil ihm das Geschrammel von Orpheus auf den Geist gegangen ist? Oder weil er der Überzeugung ist, dass er der bessere Sänger sei? Oder weil er unflätig rumgekrächzt hat, und Orpheus ihn hinaus expediert hat? Auf jeden Fall ein schöner Gag.
Zum Schluss habe ich mir dann noch das ganze Vonderau -Museum angeschaut. Von den Neandertalern bis zum Fuldamobil. Die Präsentation ist beeindruckend. Das sind die museumsdidaktischen Konzepte, mit denen ich mich während meines Studiums beschäftigt habe. Anfang der 90iger Jahre sind die dann wohl Standard gewesen. Falls Ihr nicht wisst, was das Fuldamobil war/ist, diese Wissenslücke schließe ich gern
In Fulda sind Anfang der 50er Jahre auch Autos gebaut worden. Zwar nur etwas mehr als 3.000 aber die müssen legendär gewesen sein, denn mir ist das "Fuldamobil" durchaus ein Begriff. Fuldamobile wurden später übrigens auch in Großbritannien und Chile in weit größeren Stückzahlen gebaut.
Es gäbe noch über viele schöne Ecken in Fulda zu berichten. Lassen wir es gut sein.
Schließlich möchte ich ja noch ein bisschen auf die Reise zurückblicken.
Des Reiserückblicks erster Teil.
Ich bin mir sicher: Auf keiner meiner bisherigen Reisen habe ich so viele "Radrouten oder Radwege" abgefahren.
Und damit meine ich nicht die üblichen, wie
den Saale/Unstrut,
den Elbe,
den Havel,
den Berlin/Kopenhagen,
den Weser oder den
Fuldaradweg,
die waren ja von Anfang an klar,
Dass ich aber auch noch den
Hessischen Bahntrassenradweg,
den Radweg der Deutschen Einheit, Point Alpha,
den Iron Curtain Trail,
das Grüne Band,
den Martin Lutherradweg (von Mainz nach Eisenach)
den Konrad Dudenradweg,
den Kurt Tucholsky Radweg,
den Johann Sebastian Bach Radweg,
den Fontaneradweg,
Die deutsche Alleenstraße,
die deutsche Märchenstraße
die Straße der Norddeutschen Backsteingotik
die Norddeutsche Obststraße,
die deutsche Milchstraße,
die deutsche Spargelstraße,
die Klosterroute,
die Steinroute (Menhire und Hünengräber),
die Mühlenroute,
und sicher noch ein Dutzend andere, die ich wieder vergessen habe, abgeradelt bin, das hätte ich nicht erwartet.
Eine ganz besondere Variante hat mit von Karlshafen bis Fulda begleitet. Das war der Radweg:
"Der Radweg lacht." Wahrscheinlich haben sich Initiatoren gedacht. "Die armen Fernradfahrer! Denen müssen wir was bieten, wenn sie durch unsere ereignisarmen Landschaften fahren. Da stellen wir alle paar Kilometer ein Banner mit einem Cartoon auf."
Liebe "Der Radweg lacht- Macher" ! Wäre echt nicht nötig gewesen. Das habe ich schon beim "Witzlewanderweg" im Toggenburg nicht sehr erheiternd gefunden. Beim Radfahrer lernt man mit sich selbst auszukommen, es ist ja sonst keiner da!
Aber ein Cartoon hat mir dann doch gefallen. Er könnte so etwas wie ein Motto für meine vergangenen und hoffentlich zukünftigen Touren sein:
Genau! Immer mit ganzem Herzen dabei!
Es ist wieder spät geworden. Das Fernsehprogramm ist so, wie immer am Sonntagabend. Überschaubar.
"Hallo mein Lieber Blocker!"
"Seid Ihr das werter Herr Baron? Wie kommt Ihr in die Glotze?"
"Nichts leichter als das!"
Habe Euren Brief erhalten. Einer meiner Ur-Ur-Ur, was weiss ich wie viele Ur es sind - Enkel hat mich darauf aufmerksam gemacht. Ihr wisst ja, die jungen Leute...
Hat mir gut gefallen! Eure Geschichte von den Bebraer-Kampfbibern. Aber habt Ihr den Alt-Wirt des Hessischen Hofes wirklich nicht erkannt?"
"Jetzt sagt bitte nicht, dass Ihr das wart? Das darf doch nicht wahr sein!!
"Gemach, gemach! Nur die Ruhe! Habe nur einen Scherz gemacht! Das war ich nicht!
"Uff, treibt bitte nicht Euren Schabernack mit mir!
Euch hat meine Geschichte also wirklich gefallen?"
"In der Tat, das hat sie!" So sehr sogar, dass ich Euch zu meinem nächsten Tabakkolleg in die "Blaue Grotte" einladen möchte!" Das ist eine große Ehre! Und wird nicht jedem zuteil"
"Und wann wird das sein?"
"Du wirst es rechtzeitig erfahren! Bis dann!"
Und wieder fragt der Leitmeyer: "Wo waren sie am Freitag vergangener Woche zwischen 20:00 und 22:00 Uhr?"
Ich muss wohl kurz eingenickt sein.
Meine lieben Reisebegleiter.
Morgen werdet Ihr noch einmal kurz erfahren, wie es mir auf der Heimreise erging.
Und dann ist wieder Schluss für dieses Jahr!
Bis Morgen!