Montag, 19. Juli 2021

38. Tag: Heimfahrt

 


Daheim! Hier ist es auch sehr schön!! Das war wirklich eine wunderschöne Reise! Durch 11 Bundesländer. mir/uns bislang unbekannte Teile der Republik.

Doch zuerst der heutige Tag. Mir schwante gestern schon, dass die Rückreise möglicherweise etwas komplizierter werden könnte. Spätestens als ich vom Abendessen zurück ins Hotel kam und 2 der 6 Zugführer vom Morgen immer noch da waren!

Die Rheinschiene über Basel würde wohl nichts werden.


Am Bahnhof wird heue Morgen ein ganzer Zug roter Waggons zusammengestellt. Wie mir scheint für den Katastropheneinsatz. Wer hat ganze Katastrophenzüge? Die Bahn? Das THW wohl nicht, die wären dann eher blau? Die Bundeswehr? Dann wären sie sicher auch nicht rot. 


Es sind bestimmt an die 20 Wagen, die hier zu einem Zug zusammengestellt werden. 
Über Basel geht heute gar nichts. Aber über Stuttgart scheint alles zu klappen. Mein Rad und ich finden Platz und auch nach Engen gibt es keine Probleme. Ich werde noch nicht einmal kontrolliert. Ich hätte die ganze Strecke schwarzfahren können.
Einen kleinen Aufreger gab es allerdings. Kurz vor Frankfurt klingelt hinter mir ein Telefon.
"Hallo? Ich höre Sie schlecht! Wer ruft an? Können Sie das noch einmal wiederholen? Echt jetzt?
Holy Shit! Die Delta Variante? Das glaube ich jetzt echt nicht? Wer? Holy Shit! " 
Da hat wohl ein Gesundheitsamt angerufen! Der Zug fährt in Frankfurt ein. Der junge Man steigt aus. Zur Erleichterung des unmittelbaren Umfeldes. 
Tja, auch wenn 5 Wochen Wanderleben manches in den Hintergrund geschoben hat. Vorbei ist die Coronazeit noch lange nicht!

Aber jetzt bin ich gut zu Hause angekommen und werde die nächsten Tag erst einmal die Beine hochlegen und faulenzen!

Des Reiserückblicks 2.Teil:

Kulinarisch hat es schon spannendere Reisen gegeben. 

Die "Italiener" liegen mit großem Abstand vorn (Klar Spaghetti braucht der Motor des Radfahrers)
Dann die türkische Küche,
Koreanisch, Thai, Chinesisch...
Regionale Küche hat sich eher weniger hervorgetan.
Klar  der 
Fettschlauch der Nordhessen, 
das Weckwerk der Thüringer.
Matjessaison gibt es überall, dazu muss man nicht ans Meer fahren.
Aber sonst?
Die leckere Scholle in Cuxhaven,
Das Wildschnitzel in Bebra,
ABER vor allem:

Carmens Fisch und Klausens Steak!

Getränketechnisch ähnlich:

Friederike nach Wein zu fragen - überflüssig! Wobei doch Saale/Unstrut ein Weinbaugebiet ist. Hat sich aber nichts ergeben.
Die Ostdeutschen Lande sind fest in der Hand von Radeberger, Wernersgrüner und Köstritzer - d.h. einstens gute Marken, die leider an ihrem Erfolg zu Grunde gingen.
In Norddeutschland ähnlich. Störtebeker scheint gerade auch ein ähnliches Schicksal zu ereilen.
Jever, Becks  und Konsorten braucht keiner.

Dafür gab es Landschaft satt! Seen, Flüsse, Meer!
Viele interessante Orte, viele interessante Geschichten, viele nette Begegnungen, die wir im Blog gar nicht alle unterbringen konnten.

Insgesamt eine beeindruckend schöne Reise!!
Eine Entdeckung aus Fulda darf ich Euch auf keinen Fall vorenthalten.

Ihr werdet es nicht glauben. Auch in Fulda gab es "Biberer", ganz eindeutig:


Vor einem Fachwerkhaus in der Altstadt,  die Statuette eines "Meisterbibers". Und zwar eine sehr alte. Trotz des Verwitterungsgrades könnt Ihr aber deutlich erkennen, dass er einen Pokal in seinen Vorderpfoten hält. Sollte es sich hier etwa um den legendären, oft besungenen Meister aller Meister
Castor Pollux handeln? Ich bin mir da ziemlich sicher!

So das wär´s Ihr Lieben! Schön, dass Ihr uns die Treue gehalten habt!
Drückt mit mir die Daumen, dass wir im kommenden Jahr wieder auf Tour gehen können - und Euch mit unserem Blog unterhalten können!
Bis dann.





Sonntag, 18. Juli 2021

37.Tag: Ruhetag in Fulde

keine Karte mehr 

Puh, Kulturtour ist anstrengend. Ich fühle mich wie nach einer 80 km Etappe. Fulda hat wirklich viel zu bieten und ich habe mir reingepfiffen, was man an einem Tag machen kann. 

Aber von Anfang an: 

Da war zunächst eine Begegnung der anderen Art. 

Ich sitze im Frühstücksraum des Hotels,  mit mir 2 junge Männer, um die 40, Glatze, meine Größe, also keine Riesen, aber deutlich übergewichtig, mächtige Waden, beide mit dem Wappen eines Fußballvereins verziert. Dann kommt noch ein junger Mann, um die 40, Glatze etwa meine Größe, also kein Riese, aber deutlich übergewichtig, mächtige Waden, mit Vereinswappen. Als dann ein Fünfter auftaucht, werde ich unruhig, genau das gleiche Erscheinungsbild! Und das Verrückte, sie kennen sich auch noch? Ist das eine Rugbymannschaft auf Bachelor-Tour? Mitnichten. Des Rätsels Lösung? Wir sind nahe des Bahnhofs. Das sind alles Zugführer oder Zugbegleiter. Dass es so viele gleichzeitig sind, liegt daran, dass die Unwetter, die Fahrpläne gewaltig durcheinander gebracht haben. Ein Kollege schimpft vor sich in. Sein Zug steht noch am Brenner und kommt nicht durch Österreich. 6 Stunden Verspätung, wenn`s reicht. Das heißt wenn er heute Nacht in Hamburg ankommt, gibt es keine Möglichkeit mehr nach Hause zu kommen. Wieder einmal. Bleibt nur das Taxi. Die Ruhephase zwischen zwei Schichten wird aber nicht nach hinten geschoben. Mit anderen Worten, weniger freie Zeit..

Klar, als Bahnkunde sieht man die Auswirkungen nur von  einer Seite. Dass die Jungs von der Bahn, genauso bescheuert dran sind - und wie in diesem Fall stundenlang in einem Hotel in Fulda rumhängen ohne zu wissen, wann es für sie weitergeht, das hatte ich mir bislang nicht vorgestellt.

Ich bin mal gespannt, wie meine Heimreise Morgen verlaufen wird! Wenn ein ICE ausfällt, hat der Radfahrer ein Problem, denn der nächste ICE hat keine freien Radplätze mehr, - das kenne ich schon! 

Doch jetzt erst einmal eine kleine Blitztour durch Fulda! Keine Angst ich werde es nicht übertreiben.

Sonntag Morgen, die Stadt ist noch nicht wieder auf Betriebstemperatur.


Die Altstadt glänzt in der Morgensonne.
In den Dom schmuggle ich mich noch schnell vor dem nächsten Gottesdienst. Eigentlich ist Sonntag kein Besichtigungstag. Das Innere für einen Barockbau erstaunlich zurückhalten. Viel Weiß.


Ein wenig an den Rand gedrängt von all der barocken Pracht ist diese Schutzmantelmadonna aus dem Spätmittelalter.


Und wer kommt bei der Jungfrau so unter den Schutzmantel? Der Fürstbischof, klar, die Äbte, Ritter, Gelehrten, Kaufleute, Mönche... Arme, Bauern, Fehlanzeige! Hat halt nie Platz für Alle gehabt im Schoße von Mutter Kirche!


Was hat die alte Frau verbrochen, dass sie es verdient hat, von Schlangen attackiert und von den Heiligen Herrschaften niedergetreten zu werden?
Könnte es sein, dass sie zu den über 200 "Hexen" gehörte, die Anfang des 17.Jahrhunderts in Fulda verurteilt und umgebracht worden sind? So oder so eine brutale Darstellung.

Gleich neben dem Dom, die romanische Michaelskirche.



Das Stadtschloss der Fürstäbte und Fürstbischöfe, das zur Zeit der Hexenverfolgungen begonnen wurde, habe ich mir natürlich auch angeschaut. Sehr beeindruckend.


Und manches auch recht witzig. Die Deko des Schlosses zitiert die griechische Mythologie rauf und runter. Hat die Fürstbischöfe wohl mehr interessiert als die ollen Heiligenlegenden. Das hier ist ohne Zweifel Herakles, hat sich ja schon das Fell des Nemeischen Löwen umgehängt. Aber, dass das Zerdeppern eines Tempels zu seinen 12 Tagen gehörte, war mir bisher nicht bekannt. Er schaut auch eher aus, als wolle er sagen: "Ups, I did it again!"

Ein anderes Detail hat mir auch sehr gut gefallen.



Das ist ohne Zweifel Orpheus, der gerade vor versammelter Tierwelt sein Bestes gibt. Aber anscheinend hat es doch nicht allen so gut gefallen, wie uns das immer weiß gemacht wird. 


Direkt unter dem Bild sitzt, dreidimensional, ein Papagei, der ganz offensichtlich aus dem Bild über ihm abgehauen ist. Weil ihm das Geschrammel von Orpheus auf den Geist gegangen ist? Oder weil er der Überzeugung ist, dass er der bessere Sänger sei? Oder weil er unflätig rumgekrächzt hat, und Orpheus ihn hinaus expediert hat? Auf jeden Fall ein schöner Gag.

Zum Schluss habe ich mir dann noch das ganze Vonderau -Museum angeschaut. Von den Neandertalern bis zum Fuldamobil. Die Präsentation ist beeindruckend. Das sind die museumsdidaktischen Konzepte, mit denen ich mich während meines Studiums beschäftigt habe. Anfang der 90iger Jahre sind die dann wohl Standard gewesen. Falls Ihr nicht wisst, was das Fuldamobil war/ist, diese Wissenslücke schließe ich gern


In Fulda sind Anfang der 50er Jahre auch Autos gebaut worden. Zwar nur etwas mehr als 3.000 aber die müssen legendär gewesen sein, denn mir ist das "Fuldamobil" durchaus ein Begriff. Fuldamobile wurden später übrigens auch in Großbritannien und Chile in weit größeren Stückzahlen gebaut. 

Es gäbe noch über viele schöne Ecken in Fulda zu berichten. Lassen wir es gut sein.
Schließlich möchte ich ja noch ein bisschen auf die Reise zurückblicken.

Des Reiserückblicks erster Teil.

Ich bin mir sicher: Auf keiner meiner bisherigen Reisen habe ich so viele "Radrouten oder Radwege" abgefahren.
Und damit meine ich nicht die üblichen, wie 

den Saale/Unstrut,
den Elbe,
den Havel,
den Berlin/Kopenhagen,
den Weser oder den
Fuldaradweg,

die waren ja von Anfang an klar, 
Dass ich aber auch noch den
Hessischen Bahntrassenradweg,
den Radweg der Deutschen Einheit, Point Alpha,
den Iron Curtain Trail,
das Grüne Band,
den Martin Lutherradweg (von Mainz nach Eisenach)
den Konrad Dudenradweg,
den Kurt Tucholsky Radweg,
den Johann Sebastian Bach Radweg,
den Fontaneradweg,
Die deutsche Alleenstraße,
die deutsche Märchenstraße
die Straße der Norddeutschen Backsteingotik
die Norddeutsche Obststraße,
die deutsche Milchstraße,
die deutsche Spargelstraße, 
die Klosterroute,
die Steinroute (Menhire und Hünengräber),
die Mühlenroute,
und sicher noch ein Dutzend andere, die ich wieder vergessen habe, abgeradelt bin, das hätte ich nicht erwartet.
Eine ganz besondere Variante hat mit von Karlshafen bis Fulda begleitet. Das war der Radweg:
"Der Radweg lacht." Wahrscheinlich haben sich Initiatoren gedacht. "Die armen Fernradfahrer! Denen müssen wir was bieten, wenn sie durch unsere ereignisarmen Landschaften fahren. Da stellen wir alle paar Kilometer ein Banner mit einem Cartoon auf."
 Liebe "Der Radweg lacht- Macher" ! Wäre echt nicht nötig gewesen. Das habe ich schon beim "Witzlewanderweg" im Toggenburg nicht sehr erheiternd gefunden. Beim Radfahrer lernt man  mit sich selbst auszukommen, es ist ja sonst keiner da!
Aber ein Cartoon hat mir dann doch gefallen. Er könnte so etwas wie ein Motto für meine vergangenen und hoffentlich zukünftigen Touren sein:


Genau! Immer mit ganzem Herzen dabei! 

Es ist wieder spät geworden. Das Fernsehprogramm ist so, wie immer am Sonntagabend. Überschaubar.
"Hallo mein Lieber Blocker!"
"Seid Ihr das werter Herr Baron? Wie kommt Ihr in die Glotze?"
"Nichts leichter als das!"
Habe Euren Brief erhalten. Einer meiner Ur-Ur-Ur, was weiss ich wie viele Ur es sind - Enkel hat mich darauf aufmerksam gemacht. Ihr wisst ja, die jungen Leute...
Hat mir gut gefallen! Eure Geschichte von den Bebraer-Kampfbibern. Aber habt Ihr den Alt-Wirt des Hessischen Hofes wirklich nicht erkannt?"
"Jetzt sagt bitte nicht, dass Ihr das wart? Das darf doch nicht wahr sein!!
"Gemach, gemach! Nur die Ruhe! Habe nur einen Scherz gemacht! Das war ich nicht!
"Uff, treibt bitte nicht Euren Schabernack mit mir! 
Euch hat meine Geschichte also wirklich gefallen?"
"In der Tat, das hat sie!" So sehr sogar, dass ich Euch zu meinem nächsten Tabakkolleg in die "Blaue Grotte" einladen möchte!" Das ist eine große Ehre! Und wird nicht jedem zuteil"
"Und wann wird das sein?"
"Du wirst es rechtzeitig erfahren! Bis dann!"

Und wieder fragt der Leitmeyer: "Wo waren sie am Freitag vergangener Woche zwischen 20:00 und 22:00 Uhr?" 
Ich muss wohl kurz eingenickt sein.

Meine lieben Reisebegleiter.
Morgen werdet Ihr noch einmal kurz erfahren, wie es mir auf der Heimreise erging.
Und dann ist wieder Schluss für dieses Jahr!
Bis Morgen!










Samstag, 17. Juli 2021

36. Tag: Von Bebra nach Fulda

die Karte

"´luja, sag´ I!" Der Kringel ist zu. Niederdorla ist umrundet und eingekreist. 1.835km sind es geworden. Darauf 



Zu war die Schleife eigentlich schon gegen 11:00 Uhr  6 km vor Bad Herleshausen, an der "Weißen Else", einem Kinderferienheim, am Hessischen Bahntrassenradweg, der zum "Radweg der deutschen Einheit, Point Alpha" gehört. 


Hier sind wir, vor 5 Wochen in Richtung Herleshausen geradelt und ich bin heute von "unten" auf dem Fuldaradweg auf die Bahntrasse gestoßen. 
Die beiden letzten Etappen hatten es in sich, auch heute wieder deutlich über 70 km und, logischerweise, immer deutlicher bergauf. Aber, wie schon gestern, waren die Windgötter mir sehr wohl gesonnen. Kräftiger Rückenwind hat mich nach Fulda hinauf geschoben.


Hier ist eine "Sumpfwiesenbeobachtungsstation". Ich habe die Sumpfwiesen eine Zeit lang beobachtet, mir ist nichts aufgefallen, die Wiese lag nur rum.

Nach den heftigen Regenfallen der letzten Tage, ist der Wasserstand der Fulda immer noch  hoch, aber schon wieder deutlich zurück gegangen. Meine Schuhe waren heute Morgen noch etwas feucht, konnten aber bis Fulda trocknen und sind nicht mehr in Gefahr geraten.


Vor Friedlos fahre ich eine kleine Allee entlang. Doch kein Baum ist wie der andere. Und an jedem Baum eine Art Brett.


Zuerst denke ich an eine Art Arboretum, hatten wir ja auch schon einmal, doch dazu passen die Tafeln nicht, die sind zu "heilig". Also halte ich an. Das ist die Allee der Konfirmationen. Jeder Jahrgang hat einen Baum gepflanzt und auf jeder Tafel sind die Namen der Konfirmanden aufgeführt. Eigentlich eine schöne Idee. Und die "Allee" ist schon recht lang. Es gibt sogar schon eine "silberne Konfirmation"



Anlässlich meiner Umrundung des Bauchnabels der Bundesrepublik hat sich Fulda eine nette Überraschung ausgedacht. Mir zu Ehren wurde ein Unimog Corso veranstaltet an dem mehr als ein Dutzend historische Unimogs mir auf dem Radweg entgegen gefahren sind. Vielen Dank, liebe Fuldaer und Fuldaerinnen, das wäre doch nicht nötig gewesen.


Und es sind nicht nur Männer, die sich von diesen so wunderschön hässlichen Fahrzeugen faszinieren lassen (Ich war sogar schon im Unimog Museum in Gaggenau).


Diese Dame war so was von happy in ihrem Gefährt! Wollt Ihr Alle sehen? Ich habe sie alle fotografiert! - Nein, muss nicht sein? Wer mosert da im Hintergrund?

Fulda ist ein Schock nach all den Tagen auf dem Rad und den kleinen Orten. Auf einmal brummt wieder der Bär. Die Stadt ist voll,  M E N S C H E N M A S S E N wohin man schaut. Die Cafés sind voll, Die Biergärten sind voll, die Kaufhäuser sind voll. Vor den Eisdielen stehen sie Schlange. Straßenmusikanten, ein Musikfest im Hof  der "Uni". Skater, Segwayfahrer, Kinderwagenjogger, Rennradfahrer, Hundeausfahrer (im Kinderanhänger)  - Zettelverteiler, Bettler, Punks - die ganze Bandbreite! Und mitten drin der Dom


Ein Gebirge aus Stein. Die Menschenmassen branden mit ehrerbietigem Abstand an ihm vorbei. 
Heute habe ich mir nur einen kleinen Erkundungsgang vorgenommen. Ich muss mich wieder an die "Menschenwelt" gewöhnen. Außerdem habe ich Morgen noch den ganzen Tag. Ich lege vor meiner Rückreise mit dem Zug noch einen Ruhetag ein, und werde mir Fulda in aller "Ruhe" anschauen.

Ein Schmankerl, dass mich gleich (nach dem Unimog-Empfang natürlich) für diese Stadt eingenommen hat. Sie haben Humor:


Sind diese Ampel-"Männchen" nicht herrlich!!


Und auch noch Topaktuell. Genderneutral! Oder war die Katholische Kirche mit Ihrer Mode etwa schon immer "Transgender". Oder wollen sie uns damit nur sagen: "Männer, Frauen, pah! Wir waren doch schon immer Crossdresser!
Egal! Die Ampeln sind richtig witzig!

Auf meiner heutigen, letzten Etappe, habe ich natürlich begonnen, die ersten "Listen" zu erstellen, das Resümee der Reise vorzubereiten.
Doch immer wieder kommt mir ein anderer Gedanke dazwischen. Meine Begegnungen mit dem Baron! Soll diese Geschichte einfach so austrudeln? Loses Ende? Sackgasse? Geschichte ohne Schluss? Das gefällt mir nicht. 
UND ÜBERHAUPT! Ich habe mindestens 3 Geschichten vorbereitet, die ich dem Baron gerne vorgetragen hätte. Aber, - er hat sich nicht mehr sehen lassen. In Hann. Münden hat ihn der  Dr. Eisenbart gestört, "Ab nach Kassel" wollte er auch nicht. Und jetzt bin ich natürlich ganz weit weg von seine geliebten Weser. Dabei habe ich ausgerechnet im drögen Bebra, die tollste aller Geschichten gefunden. 
Ich finde, die darf nicht im großen Blogpapierkorb enden.

Ich schreibe dem Herrn Baron einen Brief:

Herrn Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen, Bodenwerder

"Sehr geehrter Herr Baron,

es hat mich sehr betrübt, dass unsere sehr anregenden Gespräche ein so abruptes Ende erfahren haben. Wie gerne hätte ich den schlechten Eindruck, den ich mit meiner ersten Geschichte hinterlassen habe, revidiert. Es war mir nicht vergönnt. In der Hoffnung, dass Sie, verehrter Herr Baron, dieser Brief erreicht, möchte ich einen weiteren Versuch wagen:

"Auf meinen Reisen durch die deutschen Lande kam ich eines Tages auch nach Bebra. Wer jemals in Bebra war, wird meine Verwunderung verstehen, dass ich ausgerechnet  hier eine "unerhörte" Geschichte erfahren habe.
Als ich nach einem langen Tag in Bebra einfuhr, da kam ich an einem Tor vorbei. Darüber stand geschrieben




 Biberkampfbahn? Das Wort wollte mir nicht mehr aus dem Kopf. Am Abend, nach einem kargen Abendmahl, frage ich den Alt-Wirt was es wohl mit dieser "Biberkampfbahn" auf sich habe. "Wundert mich nicht!" sagt dieser, "niemand außerhalb von Bebra schein mehr zu wissen, dass es eine jahrhundertealte Tradition der Biberkämpfe in Deutschland gab. Und Bebra -  ursprünglich hieß es "Biberaho" - Ort am Biberfluss, war ihre unbestrittene Hauptstadt. Von Nah und Fern kamen die Kampfbiberzüchter (man nannte sie Biberer) um sich mit den stärksten Vertretern ihres Standes zu messen. Grafen und Herzöge, ja sogar Bischöfe und Kardinäle hatten einen Biberer und sie waren bereit Höchstpreise für einen Kampfbiber Champion zu bezahlen. Für viele Arme war dies eine große Chance, die einzige Chance, zu Wohlstand und Geld zu kommen. Stunde um Stunde verbrachten sie damit einen Kampfbiber zu trainieren. Manch einer vernachlässigte Hof oder Handwerk und ruinierte seine Existenz.
Aber auch die reichen Herrschaften verschuldeten sich bei den Biberkampfwetten oder beim Kauf eines vermeintlichen Großmeisters."
"Verzeiht, aber wie muss ich mir einen Biberkampf vorstellen, mir schienen die Biber recht friedliche Tiere zu sein?"
"Oh, das täuscht! Wenn sich einem Biber etwas in den Weg stellt, so wird er zur Kampfmaschine. Und natürlich wurde bei der Biberzucht - ähnlich wie bei den toro de lidia, der Zucht der Kampfstiere, über die Jahrhunderte immer kämpferischere Biber gezüchtet."
"Aber wie sah denn nun ein solcher Biberkamf aus?"
"Stellt Euch einen großen gestürzten Baum vor. Auf diesen werden an beiden Enden je ein Biber gesetzt. Jede der Seiten wurden vorher mit dem Bibergeil des Gegners markiert.  Sehen die Biber nun, ihren  Gegner auf "ihrem" Baum rennen sie ihm entgegen, - doch kurz vor dem Zusammenprall machen sie kehrt, stellen die `Kelle´ auf, so nennt der Jäger den Biberschwanz, un beginnen den Gegner mit "Backpfeifen" zu überziehen. Ein jeder versucht den anderen mit gezielter Vor- oder Rückhand vom Baum zu katapultieren. Fällt einer vom Baum, so ist er andere Sieger. Ihr seht, Biberkämpfe sind weit weniger blutig wie Stier- oder Hahnenkämpfe. Wobei ich einräumen muss, dass das Leben eines Meisterbibers oft an einem seidenen Faden hing. Vielleicht habt Ihr davon gehört, dass dem Bibergeil eine aphrodisierende Wirkung zugesprochen wird, und dass es in der Parfumherstellung eine hochbegehrte Substanz ist. Und das Bibergeil eines Meisterbibers war um so begehrter, je mehr Kämpfe er gewonnen hatte. Nun soll es nicht selten vorgekommen sein, dass die Angebetete, Verlobte, Ehefrau oder Geliebte eines Herren als Liebesbeweis von ihrem Anbeter, die Castorbeutel seines Meisterbibers forderte, - ohne zu ahnen, dass sie diesen damit an den Rand des Ruins und eines Nervenzusammenbruchs brachte."
"Aber sagt mir eines, die Biberkampfbahn, an der ich heute vorbei gekommen bin, sie schien mir recht neu zu sein, - und  keineswegs aus dem Mittelalter zu stammen."
"Da habt Ihr wohl recht. Biberkämpfe gab es bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Bebra. Das lag wohl auch daran, dass die Grenzregion zu DDR, das sogenannten Zonengrenzgebiee, einfach vergessen worden ist. Was einerseits viel Schwierigkeiten im Alltag mit sich brachte, andererseits konnten sich Traditionen erhalten, die andernorts das "Rad des Fortschritts" längst überrollt hatte. Wir haben, vorwiegend in Eigenarbeit, in den späten 70er Jahren eine neue Biberkampfbahn errichtet, die wir 1984 feierlich einweihen konnten. Zur Eröffnung kamen 98 Kampfbiber aus ganz Europa, und auch aus Kanada und Alaska nach Bebra. Nach dem Fall der Mauer lag Bebra auf einmal "in der Mitte" Deutschlands, Westdeutsche Wettbüros boten Wetten auf Biberkämpfe an, ja man munkelte sogar, die chinesische Wettmafia habe schon ein Auge auf Bebra geworfen. Viel schlimmer jedoch war, dass nun auch die Tierschutzverbände auf unseren edlen Sport aufmerksam wurden und lautstark forderten den Biberkampf zu verbieten. Mit Erfolg! Schon 5 Jahre nach der Wende, musste die Bebraer Biberkampfbahn ihren Betrieb offiziell einstellen"
"Offiziell?" - "Sind Hahnenkämpfe ausgestorbem?"... Er zwinkert mir zu.

Hochverehrter Herr Baron,
das wäre meine Geschichte, dich ich Ihnen hiermit zur wohlwollenden Beurteilung vorlege.
Ihr 
vielfach kritisierter Blogger
Manfred.
PS: Eines hat mir der nette Alt -Wirt zu Bebra noch mit auf den Weg gegeben. "Nach dem Verbot der Biberkämpfe haben viele Züchter ihre Tiere einfach freigelassen. Was dazu führte, dass der Biber an der Fulda und seinen Nebenflüssen deutlich kämpferischer ist als seine Artgenossen andernorts. Halten sie die Augen offen, damit sie nicht mit der Kelle eines Fuldabibers Bekanntschaft machen."



Die Reise, und damit auch der Blog geht seinem Ende entgegen. Morgen noch ein Bericht aus Fulda. Montag die Rückreise und dann müsst Ihr zum Frühstück wieder Euer Lokalblatt lesen.
Gute Nacht! Und bis Morgen.












Freitag, 16. Juli 2021

34.Tag: Von Kassel nach Bebra

 die Karte


Was für ein Tag. 80km sind es bis Bebra geworden. 5 km hat Albert beim Rausfahren aus Kassel drauf gepackt. 5 km gehen auf meine Kappe, weil ich den Fuldaradweg und alle Altarme streng nach den Fuldaradwegschildern  abfahren wollte, - Albert nicht! Und 3-5 mehr sind es geworden, weil die Radwege zum Teil unter Wasser standen.

Was ich mir merken muss: "Baustellenschilder kann man als Radfahrer durchaus ignorieren. Über eine Baustelle kommst du fast immer irgendwie. ABER! Ignoriere nie wieder ein Hochwasserschild!

Aber von Anfang an!

Im Frühstücksraum im Kassel. Ich bin noch etwas verpeilt. Da höre ich auf einmal jemand sagen, "Guten Morgen, Herr Dr. Müller-Harter! Die Welt ist klein!" Da sitzt doch tatsächlich am Nebentisch, der Mann einer ehemaligen Kollegin von mir, - aus Zimmerholz! Sie haben hier in Kassel beruflich zu tun gehabt und werden sich jetzt auf die Rückreise machen. So wie ich, nur dass sie schon heute Abend wieder in Engen sind.

Für heute ist ab 16:00 Regen angesagt. Mal sehen, wie lange ich trocken bleibe. Die Ausfahrt aus Kassel erspare ich Euch, ein typischer Albert. Es dauert bis Fuldabrück, bis ich wieder an der Fulda bin.

Kurz danach, die oben erwähnte Sperre mit dem Hochwasserschild. Von Wasser auf dem Radweg ist erst einmal nichts zu sehen. Doch dann eine "Pfütze" vor der Kurve. Die schaffe ich doch- nur blöd, dass die Pfütze hinter der Kurve weitergeht und keine Pfütze mehr ist. Mit viel Mühe schaffe ich es auf einen Feldweg, der zurück ins Dorf geht. Meine Schuhe sind durchweicht. Füße waschen fällt heute aus.




Das ist die Wiese, die ist auch komplett sumpfig.
Doch sonst fährt es sich gut. Ich habe heute fast den ganzen Tag Rückenwind. Melsungen ist schön.
Aber Fachwerk habe ich in den letzten Tagen zur Genüge gehabt.


Die Ortschaften machen sich rar. Es wird wieder einsam auf der Strecke. Heute ist niemand unterwegs. 
Es gibt eigentlich nicht viel zu erzählen. Ich radle vor mich hin, die Schuhe quietschen, 2x habe ich die Socken schon ausgewrungen, die Schuhe haben sich total vollgesogen.


Dann eine Novität! Das hatte ich noch auf keiner Tour! Eine Fahrradgondel. Wenn man an dem Rad kurbelt kann man sich selbst über den Fluss ziehen - á la Baron M. Hätte ich wirklich gerne gemacht! Doch leider, leider muss die Gondel wegen der Wasserstände stehen bleiben - und ich einen extra Kringel von ca. 3 km auf einer sehr belebten Straße einlegen. Das war nicht lustig.


Rotenburg an der Fulda hat auch schönes Fachwerk. Den Schlenker über die Altstadt habe ich mir gespart. 
Es war trotz aller Fährnisse ein Tag mit ganz eigenem Charakter. 
Und Bebra passt dazu. Wenn ich böse wäre, würde ich sagen "Zonenrandgebiet", ich bin aber nicht böse, deshalb sage ich das auch nicht.

Meine Unterkunft, der Hessische Hof passt auch dazu. Alle sind hier unter Strom. Ich passe nicht in ihr Konzept. "Wollten Sie nicht eigentlich Morgen kommen?" "Nein, wollte ich nicht." Es dauert, bis sie meinen Schlüssel gefunden haben. Wieder einmal die Dachkammer für den Alleinreisenden, was soll´s. Später, am Abend, als der Chef Zeit hat, meint er, das Zimmer wäre eigentlich gar nicht mehr im Programm. Den Eindruck habe ich allerdings auch!
Das Fahrrad kommt in den Festsaal. Ach, besser doch in die Kegelbahn. Denn im Saal ist ja heute "Modeschau". Ich schiebe mein Rad durch mobile Gaderoben, sieht ein bisschen aus wie die Angebote vom Johanni-Markt. 
Aber um 18:00 ist der Saal voll. Und die Küche rotiert. "Flammkuchen für 306! Currywurst nach 312!" Ich war noch nie so mittendrin im Geschehen der Küche! "Wohin soll noch mal die Currywurst?" - "312", murmle ich. Schwerhörig oder verpeilt oder beides? Auf jeden Fall geht es laut zu in der Küche des "Hessischen Hofes". Ich bekomme mein Essen in die Wirtsstube und bin sehr zufrieden. Während der Aufführung wird es in der Küche ruhiger. Ich würde ja so gerne mal in den Festsaal reinschauen, traue mich aber nicht. Die Damen, die an meinem Fenster Richtung Festsaal gingen waren eher jünger, das hat mich jetzt eher gewundert. Vielleicht sollte ich doch noch etwas bestellen und warten, was im Festsaal noch passiert.
"Agnes, wie geht Cappucchino mit Rum? Soll ich das Rumfläschelchen daneben stelle oder gleich rein?"
 Die Stimmung im Festsaal steigt offensichtlich. Das sollte sich gut auf die Verkäufe auswirken.
"Agnes, wo sind die Sektgläser? Im Schrank im Flur!"
"Agnes, wo sind die Piccolöchen?" "Ham wer nicht, nur große Flaschen". 
Agnes scheint die einzige Person zu sein, die den Durchblick hat. Sie ist deutlich die Älteste in dem Laden.
"Im Saal sind nur 2 Männer." - Freiwillig oder unter Gewaltandrohung mitgeschleppt worden, das ist die Frage!
Die Bedienung trifft sich am Tresen:
"Schenk mir doch auch noch ein Glas "Helle Freude" ein, sagt die eine Kellnerin zur anderen. 
"Mir auch!", sage ich. Die kann ich auch brauchen. Das hört sich doch gut an!"

Tja, Morgen ist die letzte Etappe. Bis auf die ersten 10 km, sind wir die schon am 1.Tag gefahren.
Geht die Tour wirklich schon ihrem Ende entgegen? Ich werde jetzt nicht schon wehmütig mit resümieren beginnen. Dafür ist Morgen noch Zeit. 
Schaut einfach wieder rein!!
Bis dann.






Donnerstag, 15. Juli 2021

33.Tag: Von Hann.Münden nach Kassel

 die Karte

So ein Frühstück gab es bisher noch nicht.



Das Hotel Aegidienhof hat Beziehungen bis ganz nach oben. Deshalb habe ich in dieser Kirche gefrühstückt.

In einer Kirchenbank und mit großer Andacht.

An der Kirchenmauer entdecke ich die Grabplatte von Dr. Eisenbart:

"Königlich Grosbritanischer und Churfürstlich Braunschweigisch Privilegirte Landartzt wie auch Königl-Breussischer Raht und Hofoculiste von Magdeborg"
Da gschaugst! Von wegen "Kurpfuscher" - oder vielleicht gerade deswegen?

Nach dem Regentag gestern zeigt sich heute wieder die Sonne. Es ist frisch, also ein perfekter Tag zum Radfahren. Zudem habe ich mir heute nur eine kurze Strecke vorgenommen. Ich will mir Kassel anschauen. 
Ich war zwar schon 2x da, aber zu documenta Zeiten, mit anderen Worten,- außer documenta habe ich in Kassel noch nichts gesehen.

Die Fulda ist voll, braun und reißend. 


Die Schleusentore sind geöffnet und das Wasser schießt nur so heraus. Mein Fährmann von gestern hatte recht, die Fulda ist tatsächlich bis Kassel schiffbar. Heute allerdings eher für Freizeitkapitän*innen.


Ich lasse es sehr gemütlich angehen, habe die 30km aber schon vor 12:00 weggeradelt. Ich fahre an mein Hotel. Natürlich kann ich noch nicht einchecken, aber ich darf mein Gepäck unterstellen und mich umziehen. Das war der Plan. Jetzt steht einer gepflegten Stadterkundung nichts mehr im Wege. Auf meiner to-do-Liste ganz oben steht die "GRIMM Welt Kassel". Dieses neugebaute Museum am Weinberg gibt es seit 2015 und widmet sich den Grimms, des "Wörterbuchs" der "Hausmärchen" und deren Leben. Ich bin gespannt und ein wenig skeptisch vor allem bei den Märchen kann das Ganze schnell ins Kitschige abgleiten.
Aber meine Befürchtungen waren völlig grundlos. Ich bin Hin und Weg! Dieses Museum hat Museumsdidaktisch wirklich Großes geleistet. Und der Besuch ist ein würdiger Abschluss meiner Tour auf der "Deutschen Märchenstraße" - die gespickt war mit Folkloregedöns, Souvenirschmäh und Kitsch.
Aber wie in Dreiteufelsnamen stellt man ein 33bändiges Wörterbuch aus, an dem fast 200 Jahre geschrieben wurde?
Es geht!! Und zwar richtig schön.
Die Ausstellung hat 25 Kapitel beginnend bei Z, jedes Kapitel hat ein Wort aus dem "Grimmschen Wörterbuch" zum Thema
Das erste Kapitel ist Z wie Zettel.



Eine große Wand voll mit Originalzetteln der Grimms, auf denen sie Zitate zum Stichwort "Zettel" gesammelt haben. Die Brüder waren ja manische Wörtersammler und haben die jeweiligen Zitate aus den Büchern eben auf Zetteln festgehalten. Fantastisch! Allein an dieser Wand konnte man sich festlesen. Mein Lieblingszettel,

"Hier auf diesem Zettel
steht der ganze Bettel!"

Die Ausstellungsmacher haben mit viel Fantasie, Humor  und Kreativität wunderschöne Ideen umgesetzt.
Zum Beispiel wurde der politische Hintergrund und die "große Geschichte" der Zeit in tollen "Guckkastenpanoramen" dargestellt, die wie aus Buchseiten herausgerissen wirken.



Die Guckkästen sind nicht besonders groß - aber magisch! Auf den Fotos gehen leider/logischerweise die verschiedenen Ebenen der "Guckkastenbühne" verloren.

 In Hessen ist offensichtlich noch Schule, ganze Schulklassen pirschen mit Aufgabenblättern durch die Ausstellung und auch sie lassen sich von der Ausstellung einfangen. Es gibt richtig viel zu entdecken. 
In den Abteilungen bei denen es um die Märchen geht, ist es gelungen, mit den bekannten Klischees der "Volksausgaben" zu brechen und neue pfiffige Bilder dagegen zu setzen.


Das ist? Klar Hänsel und Gretel!
Aber in welchem Kapitel stehen diese seltsamen Gestalten?


Das ist das Kapitel K , wie  "Kleinwesen" - "die kleinen Formen", wie die Grimms sagten. Ich habe an der PH "epische Kleinformen" dazu sagen müssen. Hinter diesen witzigen Figuren steckt ein "revolutionärer" Gedanke. Auch wenn man einerseits "das Land der Griechen mit der Seele" suchte, waren Forscher in ganz Europa auf der Suche nach der schöpferischen Kraft "des Volkes". Und auf einmal waren Erzählungen, Gedichte, Lieder interessant, die nicht die Helden der Antike besangen, sondern die Heinzelmännchen von Köln, das Rumpelstilzchen  oder  Klabautermänner.
Sogar Ai Wei Wei hat bunt bemalte "Wurzeln"- Wurzelstöcke zum Stichwort "Wurzeln" beigetragen. 
Da wird nichts breitgetreten, nichts ist platt und dennoch macht es Spaß durch die Stichwörter zu Wandeln. 
Der Höhepunkt für mich war das Stichwort "Jawort". Da wird ein Film gezeigt. 
Figuren, die aus der Sesamstraße sein könnten, spielen ein "Stück", das tatsächlich in den 1830igern aufgeführt worden ist, und in dem die Zeitgenossen sofort das Brüderpaar erkennen konnten. 
Jacob soll von der Tante unter "die Haube" gebracht werden. Zu diesem Zweck wird "Dorothea" eine Cousine ins Haus geholt, in die sich der ältere Bruder, Jacob, auch verliebt. Nur weiß er nicht, wie er das Dorothea beibringen soll, - er bittet den kleinen Bruder ihm zu zeigen, wie man "das macht" - das ist so zum Schreien komisch, wie diese Socke mit wildem Wollfädenhaarschopf, der Willi,  nun Dorothea den Hof macht, um dem Bruder zu zeigen wie "das geht"! Das klappt auch, nur nicht so wie sich das der Jacob vorgestellt hat, der Wilhelm kriegt die Doro und das Jacoble ist traurig. 
- Und so ungefähr könnte es sogar tatsächlich gewes denn  der Wilhelm und nicht der Jacob heiratet die Dorothea,und Jacob schaut in die Röhre und bleibt Zeit seines Lebens Junggeselle. Die Brüder bleiben dennoch zusammen und Jacob lebt fortan im Haushalt der neuen Familie. - Das können sich Kinder anschauen und finden die Geschichte lustig - und Oberstudienräte werden sich das Schmunzeln nicht verkneifen können. Was ich nicht wusste, ist, dass ein weiterer Bruder, Ludwig Emil, ein hochbegabter Maler und Zeichner war, der die ersten Kinder-und Hausmärchen illustrierte. 

Ja, ich höre schon auf zu Schwärmen, ich will Euch nicht langweilen.
Aber ich kann GRIMM Welt nicht verlassen ohne noch einmal in milde Formen der Verzückung auszubrechen. In einer Sonderausstellung hat das Museum Sabine Hertig, von Basel nach Kassel geholt. Sie passt deshalb so gut in dieses Haus, weil so wie die Grimms manische Wörtersammler waren, so ist sie eine obsessive Bildersammlerin, die sie in aberwitzigen Collagen verarbeitet. Und zwar in beeindruckend große, ich rede von Formaten bis zu 248x480


Auf den ersten Blick erinnern mich die Arbeiten an die Buchillustrationen von Gustave Doré, zum Beispiel den Don Quijote, dann gehst du näher an die Bilder ran, dann entdeckst du, dass es sich um eine unglaubliche Flut von Schwarzweißfotos handelt, die hier collagiert wurden.


Das ist so was von "der Hammer" ich bin fassungslos. 


Da musste ich an Dorés "Göttliche Komödie" denken, und dann wieder im Detail, zu jedem "Teilabschnitt" absolut stimmiges Bildmaterial.


Die Frau ist noch keine Vierzig!!!
Den Namen muss man sich merken.
Völlig erschlagen,  muss ich erst einmal im schönen Garten hinter dem Museum in einen Liegestuhl sinken, eine Kaffee trinken und ins Weite starren.



Nach einer weiteren Pause im Hotel mache ich mich dann wieder auf Stadterkundung, dieses Mal zu Fuß.
3 Ausstellungen packe ich noch. 
Doch die Künstler, die mich heute noch beeindrucken wollen, haben schlechte Karten. 

Martine Syms hat es noch am ehesten geschafft mich zu erreichen. Ihre Video-Installationen im 
Fridericianum sind stark, bildkräftig und provokativ



Aber warum ich ihr bei den unterschiedlichsten Versuchen Selbstmord zu begehen zuschauen soll, auch wenn es nur ihr Avatar ist, das wollte sich mir nach dem 4. Versuch nicht mehr erschließen. "To Hell with my Suffering" steht dabei auf ihrem T-Shirt. Das unterschreibe ich sofort! Und auch wenn Kunst auch der Versuch der Selbstheilung sein kann - muss ich mich nicht neben sie auf die Couch legen.
Bei Vicent Fecteau (*1969) auch ein US-Amerikanischer Künstler ging dann bei mir gar nichts mehr. Seine Plastiken aus Karton, ok. Seine Schuhschachtel Collagen dagegen mit Bildern von Sofakissen? Da habe ich im Kunstunterricht der 6.Klassen beim Thema, "ich richte mir eine Schuhschachtel ein" besseres gesehen.

"Etwas an Fecteaus Kunst- hat mich immer an meine Mundhöhle denken lassen...."
Bitte nicht liebe Laudatorin - shit aber auch - jetzt bekomme ich ihre Mundhöhle heute Abend nicht mehr aus dem Kopf. Mach bitte den Mund zu!!!
Egal ob der Gute im MOMA ausgestellt hat - selbst wenn ich nicht die "lakustrine" "seeartige Spannung zwischen Oberfläche und Tiefe, Transparenz und Trübung"(Fanny Singer, die Großmeisterin des Laudatorinnengeschwurbels) - gespürt habe, beim Anblick seiner Klorollencollagen, habe ich eher den Drang verspürt den Staub der Zeit wegpusten wollen  Sorry Vincent - du hast mich heute nicht erreicht!!!

Inzwischen ist es draußen dunkel, meine werte Leserschaft, bei meinen Kunstergüssen eingeschlafen, -  ich habe mich so in Rage geschrieben, dass ich nicht gemerkt habe, ob oder der Herr Baron vorbeigeschaut hat. Schade eigentlich, ich hätte inzwischen sogar 2 "L...-Geschichten" zu erzählen gehabt. 
Aber wahrscheinlich hat sich mein hochgeschätzter Freund der Herr Baron, eh nicht die Fulda hoch getraut. Er ist doch eher ein Geschöpf der Weser.
Und wahrscheinlich hätte er mich wieder mit seinem "nicht lustig!" zerstört.

Nun denn, aufgewacht, liebe Leser*in, - Bis Morgen auf ein Neues!



 











Mittwoch, 14. Juli 2021

32.Tag: Von Beverungen nach Hann. Münden

die Karte


Es war abzusehen. Bei der Großwetterlage musste es mich irgendwann erwischen. Und heute erwischte es mich so richtig. Mit leichtem Nieselregen starte ich in den Tag, der recht melodisch auf Milchkannen klingt.


 Auf den ersten 10 km bis Bad Karlshafen ist der Regen harmlos. (Beverungen, da hatte die Dame an der Rezension gestern recht, hat schönes Fachwerk. Schön auch bei Regen. Aber dafür hole ich die Kamera nicht aus dem Trockenen.

Bad Karlshafen ist vermutlich auch schön. Auf jeden Fall sehr touristisch. 

Die Solewand gehört zum Thermalbad. Da dampft es wunderbar heraus. Nein!! Auf keinen Fall legst du dich jetzt in die Brühe, dann kommst du nie bis Hann .Münden. 
Hinter Bad Karlshafen das letzte Mal mit einer Fähre über die Weser.


Wie man gut erkennen kann, noch nieselt es. Etwas mehr als Niesel, Starkniesel würde ich sagen.


Dann ist sie vor mir! Die "nasse Wand"! Da musst du durch. "Es führt kein andrer Weg... nach Hann. Münden". Ich bin gerüstet, habe mich schon im Hotel in die volle Montur geworfen. Galoschen, Regenhose, Softshell und Regencape! 
Es wird heftig. Aber wenigstens zu kalt für Gewitter oder Hagel! Also kein Grund zum Meckern.
Als ich durch Gieselwerder fahre, es ist kurz nach 11:00, da sehe ich einen "Landladen" der alles hat. Auch Bananen. Der Tag ist gerettet. Gieselwerder ist ein schöner Ort.
Eine Stunde später, als der "ergiebige Landregen" in Starkregen übergeht, hält mein Glück an. Die netten Leute von Gottstreu haben ein paar tolle Hütten an den Weg gestellt.


Hier kann man gut Mittagspause machen und abwarten, was noch so von oben herunterkommt.
Und ich kann mir so meine Gedanken machen, warum die Orte hier in der Gegend wohl so eigenartige Namen haben. "Gewissensruh", "Gottestreu"? War da nicht ein Schild gewesen. "Waldensermuseum" links ab? 
Jetzt im Hotel schlage ich nach. Tatsächlich hat der Landgraf Carl von Hessen, nach Aufhebung der Glaubensfreiheit in Frankreich Hugenotten und Waldenser nach Hessen eingeladen. Die Waldenser, die es in abgeschiedene Gegenden zog, haben sich dann hier am Oberlauf der Weser niedergelassen. 
Nach 45 min habe ich den Eindruck der Regen lasse nach. Immerhin kann ich jetzt hinter dem Maisfeld ein Haus erkennen. Wir sind zurück bei "ergiebigem Land" - dafür nimmt der Gegenwind deutlich zu und die Steigungen auch.
Trotz aller Widrigkeiten bin ich gegen 15.00 Uhr in meiner Unterkunft. Einen größeren Kontrast zu meinem gediegenen 3 Sterne Hotel über der Weser kann man sich kaum denken. Der Aegidiushof, glaubt wahrscheinlich er seine eine "Pilgerherberge", zumindest gibt es das Frühstück Morgen in der Kirche gegenüber.


Mein Zimmer ist die Dachkammer - das Fenster ganz oben links. Und Internetz brauchen Pilger auch nicht. "Sie sollten hier oben noch "mein hotspot" bekommen. Bekomme ich aber nicht. Außerdem ist das ein öffentliches Netz. 
Dafür halten sie sich hier an die frommen Brüder von Corvey. Pilgerstandard, aber zu Preisen eines  Sterne Hotels. Pilger willkommen - aber nur wenn du ordentlich was hinblätterst. 
Immerhin bekomme ich einen Schirm geliehen, so dass ich, nunin trocknen Kleidern, auf meiner Stadterkundung, nicht gleich wieder nass werde.
Hann. Münden ist ein ansehnliches Städtchen. Hat ordentlich Knete aus seiner Lage gemacht, indem  alle Ware, die von Werra oder Fulda oder Weser hier vorbei kam, erst einmal abgeladen und hier auf dem Markt angeboten werden musste. Vermutlich gab es da schon Möglichkeiten... aber da musste man eben wissen, wer wieviel zu bekommen hatte.
Der Fährmann von Bad Karlshafen sagte, dass früher Lastkähne bis Kassel gefahren sind.


Das ist jetzt schon die Fulda! Seht Ihr den Radweg auf der linken Seite? Viel Regen darf jetzt nicht mehr dazu kommen, sonst ist der nicht mehr passierbar. Es war schon heute an manchen Stellen nur mit Schmackes und die Beine hoch vom Pedal möglich. 


Das ist die Werra. Und hier ist die Weser


Und das ist das Rathaus.

Das ist schon eine Hausnummer für ein Städtchen wie dieses. 

In meiner Dachkammer ist es warm und ein wenig stickig, das Fenster ist recht klein. Da überkommt einen eine leichte Müdigkeit nach einem solchen Tag.

"Also hier treibt Ihr Euch rum? Der Arme Poet in seiner Dachkammer! Und ich muss hierher kommen, ich hasse diesen Kerl!"
"Wen meint Ihr, Herr Baron?"
"Wen wohl, habt Ihr sein Haus nicht gesehen?"
"Ah, ich verstehe, mein Ihr den Herr Dr. Eisenbart?


Sein Haus ist gleich hier um die Ecke."


"Was habt Ihr gegen ihn?" "Was ich gegen Ihn habe? Ein Lügner, Aufschneider, ein Beutelschneider war er!"
"Unter seiner Statue steht: "Er war besser als sein Ruf!"
"Natürlich! Die Hann. Mündener sind auch noch stolz auf ihn!"
"Aber vielleicht war er nur seiner Zeit voraus, so wie Ihr und Euer Flug zum Mond!"
"Versucht nicht Euch einzuschmeicheln - habt Ihr eine neue Geschichte?"
"N a ja, eigentlich schon, aber dann kam der Regen dazwischen, und ich konnte heute auf meinem Ritt durch die "nasse Wand" nicht auch noch Geschichten erfinden, das müsst Ihr doch einsehen
Können wir uns nicht Morgen, in Kassel noch einmal treffen?
"In Kassel! Wisst Ihr was Ihr da verlangt! - Ab nach Kassel! Das habe ich noch erlebt, dass dieser Landgraf, dieser Friedrich von Hessen-Kassel, dieser Unhold seine Landeskinder an die Engländer verkauft hat, damit sie gegen die Aufständischen in Amerika kämpfen sollten.
Da soll ich Euch treffen?"
"Wäre nett, und wenn es Morgen nicht all zu sehr regnet, werde ich Euch eine Schöne L.. pardon, Geschichte erzählen."
"Wir werden sehen! Schlaft nicht ein! Sonst wird Euer - wie sagt Ihr immer Block? Nie fertig!














38. Tag: Heimfahrt

  Daheim! Hier ist es auch sehr schön!! Das war wirklich eine wunderschöne Reise! Durch 11 Bundesländer. mir/uns bislang unbekannte Teile de...